Rübezahl – der Herr des Riesengebirges

 

zeigte sich erstmals 2001 in Person ( allerdings  in Vertretung) auf dem diesjährigen Sulzbacher Weihnachtsmarkt. Seine Figur ist schon seit Ende November d.J. auf unserer  Weihnachtspyramide am Dalles präsent.  Lexika und andere Nachschlagewerke – befragt zum Begriff „Rübezahl“ - geben jeweils nur  knappe, sachliche Auskunft über die Rübezahl – Figur, versetzen den Leser aber nicht in die Lage, Rübezahl zu verstehen oder eine seinem Wesen gerecht werdende Auskunft über ihn zu erteilen. Auch die Deutsche Post gab anlässlich der Herausgabe ihrer Sondermarke zu Ehren des Herrn Rübezahl im Jahre 1997 keine erschöpfende Auskunft. Deshalb haben wir uns mit der heutigen Märchenerzählerin des Riesengebirges, Frau Dr. Kubatova aus Hohenelbe / Vrchlabi in Verbindung gesetzt, damit sie uns Informationen über Rübezahl aus erster Hand liefere. Sie hat uns einen schon früher aus ihrer Feder erschienenen Beitrag überlassen, den wir hier  in der ursprünglichen, ungekürzten Fassung vorstellen. Im übrigen ist Frau Kubatova schon  manchen Teilnehmern unserer Fahrten ins Riesengebirge Lesungen ihrer Werke bekannt.

 

              

Marie Kubatova : Willkommen in Rübezahls Reich

 

                     

Erlauben Sie mir, Sie einzuladen auf die altherkömm­licher Art, ererbt in Traditionen, Liedern und Märchen des Riesengebirges: ,,Kommt, kehrt bei uns ein!"

 

Ich bin die Märchenerzählerin dieser Gegend, auf dem Weg zum Märchen habe ich goldene und silberne Königreiche durchwandert, auch aus Kupfer und aus Stroh, und gerne möchte ich Ihnen Rübezahls Reich vorstellen, in welchen Sie nun Gäste sind. Es ist ein weißes und grünes Königreich, mit Moos und Schnee ausgebettet, welches anstatt nach Weihrauch und Myrrhe, nach Heu und Harz duftet. Ansonsten hat es alle Merkmale eines richtigen Königreiches: es hat seine Herrscher, seine Chronik, seine Legenden, seine Schatzkammern, sein Gesetzbuch und auch seine Sprache. Es geziemt sich, zuerst über die Könige zu sprechen.

 

Die ersten Herrscher waren keine Könige menschlichen Geschlechtes, sondern Bäume und sie trugen die Zeit ihrer Herrschaft mit Blüten­staubkörnchen in den Torfgrund ein. Dann erhob der Mensch das Beil und die Säge gegen den Baum und bezwang ihn. Wir aber spüren nicht, dass er hier ruhmreich regierte - nein, er hauste hier. Er rauft mit den Naturgewalten ums nackte Leben, stiehlt den Waldnymphen ein Stück Wiese und verwandelt es mit schrecklicher Mühe in ein Feld. Er fürchtet sich. In seiner Angst vor der dunklen und feindlichen Natur erdichtet er in den Bergen einen neuen Herrscher, den Rübezahl. Und so regiert hier auf seine Art vom 15. Jahrhundert an  Rübezahl und herrscht in dieser eigenwilligen Gemeinschaft von Bäumen und Kräutern, Rehen und Kobolden, Käfern und Menschen. Sollten Sie sich hier wahrhaftig von der Last der Welt erholen wollen, da bitte ich Sie, wenig­stens in der Zeit Ihres Aufenthaltes im Riesengebirge, an Rübezahl zu glauben.

 

Auf Helwigs Landkarte Schlesiens aus dem Jahre 1561 ist das erste Ebenbild des Rübezahls abgebildet. Es ist die Gestalt eines Greifes, welcher seine Gliedmassen aus dem Heroldswappen der Feudalherren des Riesengebirges hat. Anders bekleidete den Herrn der Berge die Phantasie: So wie er aus dem menschlichen Glauben an geheime Kräfte der Natur entstand, aus Furcht der Holzfäller vor dem Donner und seinem Echo in den Bergen, aus Angst des einsamen Wanderers im Nebel und Schneegestöber. Ihn erblickte das Kräuterweiblein, als sie in seinem Garten Hexenkraut suchte, Leinwandweber oder Krämer trieb er durch schlimmes Unwetter vor sich her. Diese verbreiteten dann auf Jahrmärkten und in Herbergen, welche Scherze sich der Berggeist mit ihnen geleistet hatte. So kam der Berggeist in die Märchenwelt und in die Sagen beider Völker, in die tschechische und die deutsche Tradition. Vom Volksmund wird der Herr der Berge in die Welt des geschriebenen Wortes im Jahre 1618 übernommen, und zwar in den Erzählungen des calvinistischen Prager Priesters Havel Zelansky ,,Von bösen Engeln und Teufeln". In der deutschen Literatur erscheint der Berggeist im Jahre 1661 in der Sagensammlung von Prätorius ,,Daemonologia Rubinzali Silesii". Im Jahre 1782 gibt J.K. Musäus dem Berggeist in seiner Sammlung deutscher Volksmärchen, den Namen ,,Rübezahl" – missverstanden als Rübenzähler. Es ist nicht gerade ein löblicher Name und gelangt nicht zur Ehre des Herrn der Berge: Rübezahl gibt seiner Liebsten Rüben, damit sie sich aus ihnen Tiere und andere Gestalten zaubern kann, nur so zur Freude, und während er die Rüben zählt, betrügt die Liebste ihn.

 

Holzschnitte von Lindner ,,Geschichten übern Rübezahl" legen Zeugnis ab: Rübezahl verfolgt spöttische Soldaten mit Donner und Regengüssen, Rübezahl straft die Kräutersammler für das Plündern seines Gärtchens. Rübezahl unterhält sich mit dem Bärentreiber wie auf der Kirmes, verkehrt mit den Menschen und treibt mit ihnen manchen derben Scherz, halb Richter über ihre Taten und halb Gaukler, Bruder aus dem Geschlecht der Waldmenschen, Schwager der Kobolde und des Zauberers Genosse. Unter dem (tschechischen) Namen ,,Rybrcoul" übernahm den Herrn der Berge der Renaissance-Verlag von Kramerius. Im Jahre 1784 wurde für die tschechischen Leser ,,Rübezahl in den Bergen des Riesengebirges oder Der verwunschene und befreite Prinz" herausgegeben. Den tschechischen Patrioten aber gefiel weder der Name noch seine Gestalt und so stellte Herr Professor V.K. Klicpera den ,,Krakonos" auf die tschechische Bühne und diesen als Hüter der Berge, der Gerechtigkeit und des Rechtes, würdig in Begleitung von Feen und Kobolden. Nur dass der kleine Häusler, der sich um des Herrn Acker abmüht und sich auf dem kleinen, steinigen Feld am Berghang abrackert, eine Obrigkeit brauchte, mit der er sich wenig­stens ein bissel verstand. So bekleidete der alte Vacek aus Levinek den Rübezahl nach seinen eigenen Körpermaßen: Krakonos ist ein etwas größer geratener Heger des Grafen Harrach, verwandt über einen Halbvet­ter mit dem heiligen Nikolaus. Er flucht wie ein Heger, bafft aus der Gipspfeife wie ein Heger, hat Halbstiefel wie ein Heger, kehrt in den Weberwirtshäusern auf ein Stamperle Kräuterschnaps wie ein Heger ein und als Nikolaus verwandelt er den Webern das Garn zu goldenen Fäden und für Witwen und Waisenkinder setzt er goldene Pilze ins Moos.

 

Nehmen wir das große Tuch aus Großmutters Truhe und legen wir es aus wie die Karte eines legendären Königreiches, wo Rübezahl seine Herrschaft hat: seine Liegenschaft hat er irgendwo um die Kesselkoppe herum, wo seine Hähne mit ihrem Kikeriki die Sonne des Allmächtigen wecken: Also, Scheinen und Wärmen, damit die Wiesen grünen und die Ernte reift. Dort hat er auch seinen Pferdestall, von wo er sein Windgespann herauslässt: die mit der weißen Mähne, damit sie Heu zerzau­sen und trocknen, die Wallachen mit der schwarzen Mähne, damit sie mit dem großen Wolkenwagen Feuchtigkeit über die Felder bringen. Lässt Rübezahl aber den feurigen Hengst los, der mit den Hufen an Felsen schlägt, dass es nur so blitzt vom Himmelsdach, macht er das nicht deshalb, damit die Wolken sich nicht raufen, sondern damit es oben am Himmel und unten zwischen den Menschen durchlüftet wird. Rübezahl hat auch in seinem Reich seinen Kalender eingeführt: Das Jahr beginnt hier mit der ersten Pestwurz, die am Rande des Baches beim ersten Tauwetter entsprießt, um dem Bauer einen Wink zu geben: Mensch, nimm die Hacke, mach Rinnsale und Bächlein sauber, damit Dir das Wasser nicht die Ackerfur­che wegschwemmt ! Dann folgt der Monat der Buschwindröschen und Himmelschlüssel und da erinnert die Himmelschlüssel die Bäuerin: Mit einem goldenen Schlüssel hab ich schon die Erde aufgeschlossen. Bäuerin, nimm den Rechen und durchkämme Deinen Hügel hinter der Hütte, damit das Gras atmen kann ! Das Lungenkraut schickt das alte Weib! in den Hain, damit sie nicht vergisst, die Herrgottsapotheke in den Leinensäckchen nachzufüllen. Der Monat der Lichtnelke meldet: Ich blühe schon rotbraun, Bauer, Deine Wiese ist schon reif für die Sense ! Der Monat der Goldrute und des Mädesüs meldet: Bereitet Körbe für die Äpfel vor! Und wenn die Eberesche den Krammettsvögeln ein Festmahl bereitet, dann, Bäuerin, schau die Säcke für die Erdäpfel durch, ob sie nicht von Mäusen zerfressen sind! Glocken des Enzians und des Heidekrautes läuten den Sommer aus. Da befiehlt Rübezahl den Hirschen, der Sonne den Rückzug auszutrompeten und auf den Thron den Monat der Winterschläfer zu setzen. Kobolde ziehen den Baumsaft in die Fässchen unter der Erde ab, Blümchen ziehen sich in ihre Zwiebelchen zurück, die Winterschläfer kriechen in ihre Höhlen und Bauer und Gebirgler zum warmen Ofen.

 

Die Gebirgsleute lebten hier ihr Leben in Berührung mit der Erde, im Einklang mit den Jahresringen der Bäume und ihre Gesichter runzelten wie Gestein, denn in ihnen sammelten sich Erfahrung und Weisheit. In der Zeit der Winterschläfer zog in die gezimmerten Hütten Behaglich­keit ein: die Ernte von den Feldern und das Heu ist unter Dach, Erdäpfel im Keller, Vorräte für den Winter in der Kammer, Apfel auf Bretterge­stellen, Holz hinterm Bretterverschlag oder hinter der Hütte zu einem Kegel aufgeschlichtet. Das ist nun die Zeit für Märchen, Erzählungen und auch für ein Lied. In dieser märchenbringenden Zeit, wo Spinn­räder beim Spinnen und Spulen, Korallenauffädeln oder das Dörren von Äpfeln den richtigen Rahmen für Erzählungen bildeten, dann wurden auch die Sagen vom Rübezahl wach.

 

Damals kamen auch die Schäf­chen für die Krippe zur Welt. Sie wurden geschnitzt, bis der Gebirgler ganz inmitten des Winters das Märchen von der Stadt Bethlehem und dem Stern der Hoffnung aufbaute.