Texte zur Regionalgeschichte

 

Pavel Jakubec: Po stopách Židů na Jilemnicku
(Auf den Spuren von Juden in der Starkenbacher Gegend)

In: Z Českého ráje a Podkrkonoší (Aus dem Böhmischen Paradies und dem Riesengebirgsvorland) Bd 16 (2003), S. 121-146.

 

Übersetzung: Dr. Pavel Cervicek, Darmstadt

 

Die Gegend des ehemaligen Bezirks Starkenbach (Jilemnice) gehört, wie es in den gebirgigeren Gegenden unseres Landes der Fall zu sein pflegt, zu den Regionen mit kurzer Geschichte der jüdischen Bevölkerung. Obwohl hier nie eine starke Gemeinde entstand und jüdische Familien oder Einzelne die Starkenbacher Gegend erst ab dem 19. Jahrhundert auf- suchen, wobei sie hier fast nie über mehrere Generationen hinweg siedeln, kann man interessante Tatsachen entdecken. Bis auf einige Ausnahmen konzentrierten sich die hiesigen Juden in den Gerichtsbezirkszentren, also in Rochlitz an der Iser (Rokytnice nad Jizerou), Hochstadt an der Iser (Vysoké nad Jizerou) und Starkenbach (Jilemnice). Entstauben wir also nach Jahren die vergessenen Namen und deren Schicksale.

 

 

Harrachsdorf-Seifenbach (Harrachov-Rýžoviště)

 

            In Seifenbach Nr. 51 war ab dem 2. Dezember 1920 Karel/Karl Steindler gemeldet, jüdischer Angestellter der Firma Seidler, Weiss & Comp., geboren im Jahre 1890 in Ho- stomitz (Hostomice) bei Dux (Duchcov). Er war mit der Katholikin Ida Švandová verheiratet (geb. am 6.12.1904) aus Rochlitz an der Iser, mit der er den Sohn Jindřich/ Heinrich (geb. am 11.8.1923) großzog; dieser blieb ohne Bekenntnis. Wahrscheinlich nach der Abtretung des Sudetenlandes fand die Familie Zuflucht im Haus Nr. 556 in Nová Paka (Neupaka), denn diese Anschrift wird als ihre letzte Vorkriegsadresse angegeben. Die Hand des Terrors traf zunächst den jüngsten Jindřich, der am 9.6.1943 mit dem Transport Dc nach Theresienstadt (Terezín) gebracht wurde. Erst zwei Jahre später folgte ihm der Vater Karel, der zum sog. geschlossenen Arbeitseinsatz in Theresienstadt bestimmt wurde, wohin er mit dem Transport AE 2 im April 1945 deportiert wurde. Ein Vierteljahr später wurden beide befreit und die Familie fand sich wieder glücklich zusammen. Danach zogen sie nach Harrachsdorf Nr. 155 um und Karel Steindler wurde im Juli 1948 zum Bevollmächtigten der Firma Seifenbašská tkalcovna hedvábí, Rýžoviště-Harrachov (Seifenbacher Seidenweberei, Seifenbach-Harrachsdorf) ernannt. Über das weitere Schicksal der Steindlers ist uns bisher nichts bekannt.

 

 

Jablonetz an der Iser (Jablonec nad Jizerou)

           

Die einzige jüdische Familie, die in Jablonetz an der Iser sesshaft wurde, war der Schück- und Freund-Klan. Im Riesengebirgsvorland beginnt die Geschichte dieser Sippe vielleicht beim Rochlitzer Gastwirt Heinrich Hirschler (s. das Stichwort Rochlitz), der wahrscheinlich einen Bruder Paul hatte. Paul und Rosalie Hirschler sind nämlich die Eltern von Ernestine (geb. um das Jahr 1860), die sich mit ihrem gleichaltrigen Ehemann Adolf Schück, Kaufmann, in Jablonetz niedergelassen hat. Gemeinsam zogen sie vier Kinder groß – Paul (*26.11.1891), Rosa (*1.8.1893), Joseph (24.9.1895) und Marie (4.5.1902), die als erste in Jablonetz Nr. 64 geboren wurde. Markt Jablonetz hatte am Anfang des 20. Jahrhunderts nach Rochlitz die meisten jüdischen Einwohner im Starkenbacher Bezirk (12 Personen im Jahre 1900).

            Das Schicksal zerstreute Schücks Kinder in verschiedene Richtungen. Paul gewann als mit dem christlichen Mädchen Ludmila Bílková (*1897) verheirateter Beamter das Heimat- recht in Prag, Joseph wurde in Prag II zu seinem Nachbarn, Marie blieb ledig und heiratete angeblich erst in Theresienstadt; Rosa heiratete der Kaufmann Angelo Freund (*1.3.1893), mit dem sie in Jablonetz blieb – gemeinsam hatten sie drei Kinder: Olga (*1922), Hannah (*1925) und Georg (*1929). Im Jahre 1935 gewannen die Freunds das Heimatrecht in Vysoké Mýto (Hohenmauth) und verwalteten hier oder in der nahen Umgebung angeblich eine kleine Eisenbahnstation.

            Der zweite Weltkrieg dezimierte beide Familien, die auf dem Jablonetzer Gemeindefriedhof befindlichen Gräber von Adolf und Ernestine zerstörten die Nazis und alle übrigen Familienmitglieder kamen in Konzentrationslagern um, außer Ludmila Schück,  die den Krieg als Nichtjüdin überlebte, und Olga Freund, deren Schicksal unbekannt ist.

            Das Jablonetzer Haus Nr. 64, das vor dem Krieg Ernestine Schück gehörte, wurde nach Kriegsende konfisziert, aber aufgrund der Berufung ihrer Schwiegertochter Ludmila wurde die Konfiszierung im Frühjahr 1947 aufgehoben. 

 

 

Starkenbach (Jilemnice)

 

            Die erste Erwähnung der Juden auf dem Gebiet des späteren Starkenbacher Bezirks bringt August Sedláček im 5. Band seines Werkes Hrady, zámky a tvrze (Burgen, Schlösser und Festen). Er erinnert an einen Zwischenfall, der sich am 6. Dezember 1541 auf der königlichen Straße zwischen Starkenbach und Mřična bzw. Wemřitsch (Mříčná, damals Smiřično) ereignete, als eine Gruppe von vier aus Starkenbach reisenden Juden von Räubern überfallen und zwei Juden getötet und beraubt wurden. Einer der Angegriffenen, Kolman von Turnau (Turnov) lieferte vor dem Kammergericht ein beredtes Zeugnis vom Raub und Unrecht, das den Juden seitens der Obrigkeit angetan wurde:

            Nachdem der Wagen mit den jüdischen Kaufleuten überfallen wurde, flüchtete Kolman nach Starkenbach auf das Schloss zum Sohn des damaligen Herrn Ernst von Aujezdetz (Arnošt z Újezdce) Zawisch (Záviš) mit der Bitte, dieser möchte die Räuber jagen und gefälligst Sturm läuten lassen. Zawisch fing mit seinem Beamten Balcár und seinen Dienern an, die Missetäter zu verfolgen, aber die verschwanden in der Nachbarherrschaft des Wilhelm von Waldstein (Vilém z Valdštejna). Kolman begab sich daher nach Hohenelbe (Vrchlabí), um Johann Bellwitz (Jan Belvic), Wilhelms Beamten zu holen, berichtete ihm über den Raub und nannte ihm einige der Räuber, die er erkannt hatte. Er zwang den Beamten, sich mit ihm auf das Starkenbacher Schloß zu Zawisch zu begeben. Nachdem sie einen kurzen Augenblick auf dem Schloß verbracht hatten, kam Zawischs Diener Jan Hovýzna angerannt und sagte, dass zwei der Räuber, einer zu Fuß und der andere zu Pferd, unweit des Schlosses gesichtet wurden. Kolman bat daher Bellwitz, nicht zu zögern und die Verfolgung zu befehlen, aber dieser herrschte den Juden angeblich an, er solle ihm nicht raten und begab sich lieber, nachdem er festgestellt hatte, dass er für die Missetäter zuständig ist, zurück nach Hause. Später soll Johann Bellwitz vor Wilhelm von Waldstein und Kolman zugegeben haben, dass er einen der Räuber, Jirásek von Javůrek (Jawurek), gefangen, von ihm die Namen seiner Komplizen erfahren und ihn wiederum freigelassen hatte.

            Da der Beamte Bellwitz seine Pflicht verletzt hatte, verklagten ihn die Witwen der ermordeten Samuel aus der Alten Schule (vermutlich die älteste, in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts belegte und im Jahre 1867 abgerissene Prager Synagoge, an deren Stelle heute die sog. Spanische Synagoge steht) und Libertraut aus Prag beim Kammergericht, das sich eben Kolmans Aussage angehört hatte.

            Die zeitweilige Anwesenheit von Juden in Starkenbach, der Bezirksstadt und dem natürlichen Zentrum des untersuchten Gebiets, hinterließ in der Stadt keine bedeutenderen Spuren.

            Konkrete Namen bringen die Quellen erst im Frühjahr 1799, als das Starkenbacher Rathaus aufgrund einer vorangegangenen Untersuchung den Bürgern verbietet, einem Juden Unterkunft zu bieten oder eine Wohnung bzw. ein Haus zum Wohnen zu vermieten. Man hatte nämlich festgestellt, dass sich Juden aus Neubydžow (Nový Bydžov) Jacob Schnabl mit Söhnen und Aron Schnitzer, dessen Schwiegersohn, bereits längere Zeit ohne Wissen der Behörde aufhalten. Schnabl hatte beim hiesigen Bürger Johann Hanusch für 10 Gulden ganz- jährig einen Raum als Warenlager gemietet und laut Protokoll geht er bereits zwanzig Jahre lang auf der hiesigen Herrschaft dem Hausieren nach, denn das Treiben des Gewerbes und das Einrichten des Lagers bei seinem hiesigen Freund genehmigte ihm der ehemalige Obrigkeitsinspektor. Dem im Gasthaus des Johann Zubatý untergebrachten Schnitzer vermietete Josef Jírů Lagerräume für 3 Gulden jährlich. Die Bürger nahmen allerdings Anstoß daran, dass Schnabl und seine Söhne die meiste zeit des Jahres in Starkenbach verbringen  und hier auch ihre Feste feiern (und seinen Schabes hier halte). Auch der Vorwurf fehlt nicht, dass Menschen durch sein Handeltreiben unnötig verschuldet werden und die Unwirtschaftlichkeit wächst.

            Vielleicht ist es eben derselbe Schnabl, dessen Gedenken sich in Form einer Gestalt in der Hochstädter Volkserzählung (poudačka) Kaplan Pruďas (Kaplan Hitzkopf) von Prokop Hásek erhalten hat (in: Floriánovy úsměvy. Hradec Králové/Königgrätz 1982, S. 103-104):

„Neben dem Pfarrhaus an der Ecke hatte Isaak Schnabl sein Lädchen, der einzige Jude, der es im Ort ausgehalten hat und der war zu der Zeit bettlägerig. Sagte Herr Pfarrer: „Mit dem Schnabl geht es angeblich bergab. Es wäre nötig, ihm aus christlicher Liebe als Nachbarn Trost zu spenden, damit er leichter von dieser Welt scheiden kann. Gehen Sie bei ihm vorbei, wenn Sie heute abend ins Wirtshaus gehen.“ Der Kaplan brummte ja und ging lieber früher, damit man nicht allzu lange mit dem Sechundsechzig auf ihn warten muss. Schnabl lag wirklich schon in den letzten Zügen und jammerte bitterlich. Der Kaplan liess ihn eine Weile in Ruhe und dann schrie er ihn an: „Verdammter Alter, wer soll sich das anhören? Was jammern Sie zum Teufel, wenn Sie nach Ihrem mohammedanischen Glauben glücklich sein und sich freuen sollten, dass Sie bereits nach einer Weile mit Abraham tafeln werden!“ Schnabel brummte: „Damit können Sie mich, Hochwürden, am Arsch lecken! Der liebe Gott weiß, dass ich mich ganz beschissen fühle!“

            Man kann nur Vermutungen anstellen, inwieweit der älteste bekannte Starkenbacher Jude als Vorlage des literarischen Schnabl diente oder eigentlich als Alter Ego des Hochstädter Israeliten Grünberger. Jedenfalls stehen uns keine Nachrichten aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts über Starkenbacher Juden zur Verfügung.

            Erst um die Jahrhundertmitte kennen wir dank den Personenstandsregistern der jüdischen Gemeinde in Jičin (Jičín) die ersten Namen. Am 12. März 1850 traute man in Lužany (Lužan) den dreißigjährigen Adalbert Winternitz, Geschäftsführer bei Elias Mautner in Smiřice (Smiřitz) und die dreiunddreißigjährige Theresie, Tochter von Israel und Antonie Winternitz aus Starkenbach Nr. 5. Es scheint daher, dass die Winternitz von der Theresie-Seite bereits vor der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Stadt lebten und offensichtlich nicht die einzigen  waren, denn dortselbst starb am 21. Juni 1842 Sallomon, der erst siebenjährige Sohn von Joachim Vondörfer, bestattet bald im entfernten Turnau (Turnov). Drei Monate nach der Trauung, am 21. Juni 1850, gebar Theresie im Hause Nr. 15 ihren Sohn Anton, der dortselbst beschnitten wurde, und am 27. September 1851 ihre Tochter Marie. Diese wurde jedoch im Hause Nr. 27 und Vater Adalbert war damals bereits Pächter der Schnapsbrennerei.

            Vom 8. November 1852 stammt ein Fragebogen, der besagt, dass der jüdische Krämer Mautner (geb. am 12. Oktober 1809), seine Frau Anna (geb. am 25. Januar 1812), seine Tochter Josefa Wilhelmine (geb. am 17. Juli 1839) und sein Sohn unbekannten Namens (geb. am 20. August 1832) in Starkenbach lebten und sich jetzt am unbekannten Ort aufhalten. Eine weitere Quelle ähnlichen Charakters erwähnt Isaak Reinhold, der von Starkenbach im Januar 1875 wegzog, und Eduard Malburg, der allerdings bereits vor 40 Jahren (d.h. irgendwann um das Jahr 1875) zum katholischen Glauben übergetreten war. Angeblich lebte er jedoch nicht direkt in Starkenbach. Es stimmt, dass ein gewisser JUDr. (=Dr. jur.) Osvald Malburg Besitzer des uns schon bekannten Hauses Nr. 5 war, in dem J. Neumann Spirituosenhandel trieb.

            Weitere Juden kamen nach Starkenbach mehr oder weniger aus dienstlichen Gründen. Zuerst war es die Familie des Wachmannes Bernhard Rein, der damals bereits mit Amalie Stern aus Liběšice (Libeschitz) bei Žatec (Saaz) verheiratet war. Am 27. Juni 1881 wurde ihnen im Hause Nr. 15 Tochter Irma und am 5. November 1882 im Hause Nr. 151 Sohn  Otto geboren. Im Jahre 1900 leben sie in der Stadt jedoch nicht mehr.

            Zur gleichen Zeit wirkt der Beamte Benjamin Freund am örtlichen  Bahnhof, dessen Gattin Emilie, geb. Markus, aus Kuttenberg (Kutná Hora) stammt, wie der Eintrag über die Geburt ihrer Tochter Rosa vom 21. September 1891 belegt. Hier muss man betonen, dass der Starkenbacher Bahnhof seit 1871 in Martinitz (Martinice) war und erst im Jahre 1899 die Abzweigung von Martinitz nach Rochlitz an der Iser über Starkenbach erfolgte. Nach einem Bericht vom Februar desselben Jahres arbeiteten mindestens vier jüdische Arbeiter an deren Bau – Eugen Hetzka, Adolf Frankl, Hugo Lichtenstern und Max Spitzer.

            Der Nachweis des Aufenthaltes von Juden in Starkenbach vom Oktober 1893 weist nur eine Person nach – den achtundzwanzigjährigen Bezirkstierarzt Maximilian Rosenfeld im Hause Nr. 217. Wie aus der Arbeit Jaromír Horáčeks (Jilemnicko. Světová válka – převrat. Jilemnice 1938, S. 189) hervorgeht, stammte Dr. Rosenfeld entweder aus Nový Bydžov (Neubydžow) oder zog später dorthin, denn – als am 28. Juli 1918 der Hohenelber, allerdings auch in Starkenbach und dessen Umgebung praktizierende Tierarzt Wilhelm Steindler Urlaub bekam, vertrat ihn gerade Maximilian Rosenfeld aus Neubydžow.

Wie selten und in den meisten Fällen kurzfristig die Anwesenheit von Juden in Starkenbach war, zeigen auch die Volkszählungsergebnisse. Im Jahre 1880 waren hier sechs Personen jüdischen Glaubens gemeldet, dann vierzig Jahre niemand, auch wenn man jetzt schon weiß, dass sich hier einige Juden vorübergehend in den Zeiten zwischen den einzelnen Volkszählungen aufhielten, und erst im Jahre 1921 einer und im Jahre 1930 vier Juden.

Ganz ausnahmsweise gab es in Starkenbach auch ein jüdisches Begräbnis. Am 8. Januar 1938 starb im örtlichen Krankenhaus der beinahe zweijährige Junge Peter Angert, Sohn des Prager Kaufmanns Rudolf Angert und seiner Gattin Gertrude, geb. Kruse, und wurde am 12. Januar auf dem Starkenbacher Friedhof beerdigt. Bald wurde er jedoch nach seinem heimatlichen Prag überführt und in der Nähe seiner Eltern bestattet.

Ein Verzeichnis vom Anfang des II. Weltkrieges erfasst in Starkenbach die jüdische Firma zur Herstellung von Baumwolltaschentüchern Müller und Thiem der Besitzerinnen Erna Gans und Ilsa Tolnauer mit Sitz in Prag. Die im Jahre 1928 in das Handelsregister eingetragene Firma beschäftigte im Jahr 1940 insgesamt 43 Arbeiter, 40 Hausarbeiter, 10 Büroangestellte in Starkenbach und 12 Büroangestellte in Prag. Der Umsatz des Textilbetriebes lag im Jahre 1939 bei 8 500 000 Kč (Tschech. Kronen), 850 tausend weniger als im vorangegangenen Jahr. Am 7. Oktober wurde Fritz Leidemann als Treuhänder für die Firma ernannt und der Betrieb wurde arisiert.

 

 

Martinitz bzw. Märzdorf (Martinice)

           

Aufgrund der Volkszählung stellt man fest, dass offenbar immer nur eine jüdische Familie in Martinitz wohnte, und zwar etwa ab dem Ende der 80. Jahre des 19. Jahrhunderts bis zum zweiten Jahrzehnt des darauffolgenden Jahrhunderts.

            Der technische Fortschritt und die jüdische Emanzipation der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts führten dazu, dass die Beschäftigung bei der Bahn zur häufigen Erwerbsbeschäftigung der Juden wurde. Am Ende des 19. Jahrhunderts kommt nach Martinitz Bahnlagerist  Adolf Friedländer, zuständig nach Zbyslav (Zbyslau) bei Čáslav (Tschaslau), mit Gattin Mathilde, Tochter von Bernhard und Josephine Schlesinger aus Golčův Jeníkov (Goltschjenikau). Im Häuschen Nr. 103 brachten sie die Töchter Irma (*1900) und Elsa (*1902) zur Welt. Beide Mädchen nahmen an der Zeremonie der Namensgebung am Geburtsort der Mutter teil und die Familie zog wohl bald an eine neue Wirkungsstätte, denn bereits im Juni 1905 wurde das jüdische Mädchen Franziska Budlovská im Martinitzer Bahnhofsgebäude geboren, Tochter des örtlichen Bahnbeamten Gustav Budlovský und seiner Frau Agnes, geb. Schwarzkopf aus Böhmisch Budweis (České Budějovice). Weitere Geschicke dieser Familie spielten sich ebenfalls außerhalb von Martinitz ab.

            Das Adressbuch des Starkenbacher Bezirks vom Jahre 1913 nennt in Martinitz den Kaufmann Josef Pfefferkorn.

            Am 25. Oktober 1883 errichtete der jüdische Fabrikant M.J. Oberländer aus Úpice (Eipel) in Martinitz eine kleine Filiale seiner im Jahre 1880 gegründeten Weberei. Die Filiale war eine der vielen, die die Firma betrieb, denn Oberländer hatte keine eigene Fabrik zur Herstellung von Geweben, nur ein Leinengeschäft, und war somit von Hauswebern abhängig, zu denen alle 14 Tage ein Firmenangestellter kam und in angemieteten Räumen des Hauses Nr. 103 händigte er ihnen das nötige Garn und ihren Lohn aus und nahm von ihnen die angefertigten Baumwoll- und Leinenwaren entgegen, hauptsächlich Leinwandgewebe einfacher Art. Zur Entstehungszeit der Martinitzer Sammelstelle beschäftigte er in der Umgebung, insbesondere in Studenec (Studenetz) und Roztoky (Rostok) 30-40 Personen, die wöchentlich bis 40 Gewebe produzierten. Während 4 Jahre stieg die Anzahl der Hausweber im Winter auf 100, im Sommer auf ca. 50. Das Garn beförderte man aus Eipel per Bahn. Als der mit den Webern verhandelnde Firmenvertreter ist Max Lewith aus Náchod (Nachod) belegt.            

Es ist uns nicht bekannt, wie lange die Martinitzer Sammelstelle in Betrieb war, aber der Name Oberländer war noch vor dem II. Weltkrieg in Eipel der Inbegriff der Textilindustrie.

 

 

Mříčná (Mřična bzw. Wemřitsch)

           

            Das Haus Nr. 26 in Mřična bewohnte im Jahre 1913 Landwirt Josef Neumann, zuständig nach Kozárovice (Kozarowitz), wo er 1855 geboren wurde, und seine um elf Jahre jüngere Gattin Berta, die aus Kovanice (Kowanitz) bei Nymburk (Nimburg) stammte. Die Volkszählung im Jahre 1921 ergab die bemerkenswerte Tatsache, dass die Eheleute derzeit ohne Bekenntnis sind, während deren Töchter Eugenie und Vlasta, geboren in den Jahren 1896 und 1898 in Lidkovice (Lidkowitz), jüdischen Glaubens sind. Im Jahre 1930 lebte die Familie nicht mehr in Mřična.

 

 

Rochlitz an der Iser (Rokytnice nad Jizerou)

 

            Die Anwesenheit von Juden in Rochlitz ist erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts belegt und die ergiebige entsprechende Quelle sind wiederum die Personenstandsregister der jüdischen Gemeinde in Jičin, wo ihre Geburten, Eheschließungen und Sterbefälle eingetragen wurden. Als erstes begegnet hier uns das Ehepaar des Hausierers Eduard Bauer und Louise Löwit aus Nachod, denen am 19. Februar 1856 Sohn Arnold in Unter-Rochlitz Nr. 17 geboren und dortselbst beschnitten wurde. Die Freude in Gestalt der Geburt eines weiteren Sprosses, der Tochter Lambertine, kam am 2. März 1859. Dafür ist die Geburt der Eleonore einige Jahre später im Personenstandsregister überhaupt nicht erfasst, aber ihr baldiges Ableben im ersten Lebensjahr am 12. September 1870 schon. Vater Eduard, hier als Elias erwähnt, war damals bereits der örtliche Gastwirt. Die Tochter legte er zur ewigen Ruhe auf dem fernen jüdischen Friedhof in Jičin. Die zweite, uns im Personenstandsregister vorgestellte Familie, sind die Hirschlers. Den Namen der Mutter erfahren wir zwar aus keiner Eintragung, aber Vater Heinrich Paul war Gastwirt in Unter-Rochlitz Nr. 74. Man weiß, dass die Familie mindestens drei Kinder hatte, die aber bald starben. Zunächst war es Isidor (9. Juli – 20. Oktober 1867), nach ihm Ernestine (3.-16. August 1868) und zuletzt ein namenloser Sohn (August – 24. September 1869). Dass die Hirschler-Familie später zum Bestandteil des Freund-Klans aus Jablonetz an der Iser wurde, kann man nur vermuten.   

            Am 19. September 1883 wurde in der Jičiner Synagoge der vierunddreißigjährige Arzt MUDr. (=Dr. med.) Moritz Krausz aus Rochlitz, Sohn von Isaak Löbl und Regina Krausz aus dem ungarischen Pápa, mit Henriette Kantor, Tochter von Benjamin und Rosalie aus Jičin getraut. Die Früchte der Hochzeitsnacht kamen zur Welt im nächsten Sommer, am 25. Juli, wo das Rochlitzer Paar die Sorge um das Söhnchen Rudolf zufiel. Das zweite bekannte Kindlein, Tochter Regina, kam erst nach sieben Jahren zur Welt, am 23. September 1891 in Unter-Rochlitz Nr. 309.

            Die bei weitem zahlreichsten Rochlitzer jüdischen Familien waren die Thans und die Glasers. In den Personenstandsregistern finden sich Namen von insgesamt fünf Kindern des Kaufmanns und Destillateurs Emanuel Than aus Rochlitz Nr. 302, geboren im mittelböhmischen Litno, und seiner Frau Henriette Goldmann, sowie zwei Namen der Kinder desselben mit seiner zweiten Frau Judith Halbkram aus Vranovská Ves (Frainersdorf) bei Znojmo (Znaim). Gattin Henriette starb inzwischen im Alter von 42 Jahren, am 8. Dezember 1894, einige Tage nach der Geburt der Tochter Ida und wurde, wie es hier zur Sitte geworden war, auf dem Städtischen Friedhof in Rochlitz bestattet.

            Daniel Glaser wurde am 8. März 1859 in Police nad Metují (Politz) geboren und in Rochlitz an der Iser war er ab dem 20. Januar 1889 Heimatrecht. Zu dieser Zeit sorgte seine Gattin Hedwig, geb. Bauer aus Humpolec (Humpoletz), bereits eine geraume Zeit für seinen Haushalt. Im Haus der Familie in Ober-Rochlitz Nr. 445 wurden den Eheleuten folgende Kinder geboren: Margaretha (15. Juli 1892), Emmy (10. Mai 1894), Anna (31. Dezember 1895 – 28. Mai 1897), Paul (27. August 1896) und Marie (2. Februar 1899). Daniel fing bald als Unternehmer an und in kurzer Zeit war es insbesondere die örtliche Baumwoll- und Leinenweberei in Ober-Rochlitz Nr. 437, die den Glasers Ruhm einbrachte. Und wie es scheint, verließ Daniels jüngerer Bruder Gustav (geb. 1863 in Politz) das heimatliche Ostböhmen und kam ins Riesengebirge, um Karriere zu machen. Am 3. Juni 1895 heiratete er im Prager Hotel Stein Lilly Schück (geb. 1868), Tochter von Ignaz Schück und Marie Roubíček. Im Hause von Gustavs Bruder begann somit ein weiterer Geschlechtszweig zu sprießen.

            Als erster wurde Fritz geboren (21. März – 18. Juli 1898), nach ihm Wilhelm (13. Juli 1899), Hermann (24. November 1903) – dieser ausnahmsweise in Ober-Rochlitz Nr. 283, und zuletzt Elli (23. April 1905).

            Gustav Glaser begann in Rochlitz als Kaufmann, später ging er jedoch nach dem Vorbild seines Bruders in die Textilbranche. Die Seinen verließ er jedoch endgültig am 18.  Juli 1921, als er im Alter von 58 Jahren im Oberrochlitzer Haus Nr. 164 starb.    

            Den dritten Zweig der Rochlitzer Glasers stellt die Familie des örtlichen Fabrikbüro-

angestellten Otto Singer dar (geb. am 19. September 1882 in Gablonz an der Neiße), der in seinem 27. Lebensjahr Toni, Tochter Daniel Glasers heiratete. Toni wurde noch in Politz geboren, aber bereits seit ihrem dritten Lebensmonat hatte sie in Rochlitz Heimatrecht. Die Volkszählung im Jahre 1921 ergab, dass die Familie mit Tochter Grete lebte (geb. am 22. Dezember 1909 in Ober-Rochlitz Nr. 62) sowie mit Sohn Johann (geb. am 29. Mai 1911) im Hause Nr. 485, dessen Inhaber Tonis Vater war. Aus unbekannten Gründen endete jedoch das Familienidyll tragisch, als sich das Familienoberhaupt am 9. September 1936 in Hochstadt das Leben nahm.

            Eben dank den Glasers und Thans hatte Rochlitz bis zum Anfang des II. Weltkrieges die höchste Anzahl von Juden im Starkenbacher Bezirk, auch wenn die Zahlen 22 (im J. 1890) bzw. 23 (im J. 1900) im Vergleich mit dem restlichen böhmischen Gebiet unerheblich scheinen können.

            Seine erfolgreiche unternehmerische Tätigkeit führte Daniel Glaser bereits zehn Jahre nach seiner Ankunft im besprochenen Städtchen über dessen Grenzen hinaus – nach Buřany (Buřan). Außer der Fabrik, in der die Hochstädter Firma Herzfeld & Fischel ihre umfangreiche Tätigkeit aufnahm, hatten hier im J. 1876 Josef Dufke und Karoline Gebrt aus Rochlitz ein weiteres Fabrikgebäude – die Nr. 39 – erbauen lassen. Zwei Jahre später setzten sie hier eine Weberei in Betrieb, aber schon im darauffolgenden Jahr waren sie gezwungen, die Fabrik zu versteigern. Der Fabrik nahm sich für 5300 Gulden Josef Palme aus Rochlitz an; nach dessen Tod erbte sie der Pflegesohn des Inhabers Josef Veith und stattete sie mit zusätzlich 52 Webstühlen aus. Nach kurzem Besitz von Šína und Krause (1895-1899) erwarb endlich Daniel Glaser das ganze Fabrikgelände bei einer freiwilligen Versteigerung. In diesem Betrieb, der sich auf die Herstellung von Farbbändern für Schreibmaschinen spezialisierte, beschäftigte er bis 1937 generell nur tschechische Büroangestellte. Einige von ihnen blieben in der Firma auch nach deren Nachkriegseingliederung in den VEB PBZ = Pojizerské bavlnářské závody (Isertal-Baumwollindustriebetriebe).

            In der ideologisierten Atmosphäre der Vierziger und späteren Jahre bekamen die Glasers wegen ihrer jüdischen Herkunft nicht allzu viele Chancen. Unter dem Druck des Reichsadlers und des Roten Sterns wurde die Familie zerstreut. Daniel Glaser mit Töchtern ist Mitte September 1938 gezwungen, aus dem ans Reich abzutretenden Rochlitz nach Prag umzuziehen, aber noch vorher, am 2. Juli 1938, spendet er freiwillig 25 000 Kč für die Verteidigung der ČSR. Am 10. März 1949 verlangt das Dezernat der Nationalverwaltungen beim Zentralen Nationalausschuss der Hauptstadt Prag vom Örtlichen Nationalausschuss in Rochlitz die Zusendung einer schriftlichen Antwort auf die Frage, ob man gegen die Verstorbenen Daniel Glaser und seine Töchter Marie Kurz, Emma Bauer und Antonie Singer ein Verfahren entsprechend dem Dekret des Republikpräsidenten Nr. 16/45 SlG. oder 138/45 SlG. eingeleitet hat und ob sie sich nicht etwas gegen das tschechische oder slowakische Volk haben zuschulden kommen lassen. Die Antwort vom Anfang Mai desselben Jahres enthält das Zeugnis von Anna Lenhardová aus Rochlitz, ehemaliger Dienstmagd Otto Singers und Textilarbeiterin in der Fabrik Daniel Glasers, in dem es heißt, es sei allgemein bekannt gewe- sen, dass der Besitzer ein gutes Verhältnis zur Betriebsbelegschaft hatte und im ausschließlich deutschen Rochlitz auch eine große Zahl tschechischer Arbeiter beschäftigte. Trotz dieser positiven Referenzen kommt es jedoch zu einer plötzlichen Wende und die Sicherheitskommission beim Rochlitzer Nationalausschuss informiert am 14. Mai 1949, dass „nach den bisherigen Ermittlungen alle Mitglieder der Glaser-Familie als Deutsche bekannt waren, die in führenden Positionen nur Deutsche beschäftigten und auf diese Weise zur Germanisierung der Umgebung beitrugen. An untergeordneten Stellen (Dienstmägde u.ä.) gab es Personen tschechischer Volkszugehörigkeit... Fabrikant Daniel Glaser behandelte die in Buřan beschäftigten Arbeiter so, dass sie gezwungen waren, anderthalb Jahre zu streiken. Unmittelbar vor Weihnachten entließ er wegen einer Kleinigkeit einen Arbeiter, Vater von 4 kleinen Kindern. Dagegen unterstützte er die deutsche Sozialhilfe und Jugend, während er der tschechischen Sozialhilfe keinen roten Heller spendete.“ Wer solche Auskünfte gab, oder ob diese die Sicherheitsleute selbst erfanden, um ihre Habgier zu befriedigen, kann man heute selbstverständlich nicht mehr feststellen, aber als Gegendarstellung übersendet der Zentrale Nationalausschuss der Hauptstadt Prag die Abschrift eines Protokolls, das mit Arnošt (Ernst) Sládek, früher Süssland aus Prag, ehemaligem Angestellten und Cousin Glasers aufgenommen wurde. Sládek erinnert sich, dass die Fabrik nicht allzu groß war. Die Geschäftsführung sowohl auf der technischen als auch auf der kaufmännischen Seite behielt Daniel Glaser als Fachmann selbst; die Büroangestellten hatten nur untergeordnete, subalterne Stellen inne und übten lediglich Glasers Anweisungen aus. Diese Stellen bekleideten vor allem Otto Singer und sein Sohn Johann, der den Garneinkauf besorgte, und Glasers Cousin Jan Bauer, der gemeinsam mit Marie Kurz, Hans Grott und dem befragten Arnošt Sládek die Geschäfte mit dem Ausland abwickelten. Die beträchtliche Anzahl der Mitarbeiter der Exportabteilung ging darauf zurück, dass etwa zwei Drittel der gesamten Produktion exportiert wurden. In der Buchhaltung, die die zweite und letzte Abteilung des Betriebes war, arbeiteten nur Personen tschechischer Nationalität (einer der Buchhalter, Václav Kadavý, flüchtete im Jahre 1938 nach Prag, kehrte aber nach dem Krieg zurück und arbeitete im PBZ-Betrieb in Starkenbach – auch er sagte, ähnlich wie Sládek, zugunsten der Glasers aus); unter den Arbeitern gab es dann sowohl Tschechen als auch Deutsche. Auf die Frage, warum sich die Glasers und Singers im Jahre 1930 als Deutsche bekannten, führte Sládek an, dass alle Besitzer der übrigen Fabriken Deutsche waren und wenn Glaser zu der örtlichen vollständig deutschen Bevölkerung und seinen Arbeitern ein gutes Verhältnis haben wollte, musste er sich dem Leben in Rochlitz anpassen. Zwischen den Völkern machte er keinen Unterschied und bot sogar einigen seiner Arbeiter für eine minimale Miete Wohnungen an in Häusern, die er zu diesem Zwecke gekauft hatte. Ganz objektiv widerlegt er somit die unwahren Ergebnisse der Ermittlungen des Rochlitzer Nationalausschusses.

            Eine Zeit lang gab es in Rochlitz Nr. 373 noch eine Filiale der Leinen- und Baumwollspinnerei und mechanischen Weberei der Gebrüder Buxbaum in Großschwadowitz (Velké Svatoňovice). Die Bleiche, Färberei und Mangel befanden sich in Eipel, der Zeichensaal in Rochlitz. Den letzteren hat man jedoch am 1. Oktober 1937 auch nach Eipel verlegt.

            Über weitere Anwesenheit von Juden in Rochlitz liegen nur noch einige wenige kurze Nachrichten vor. Am 28. November 1915 gebar hier Anna, Gattin von Moses Schnapp, ihren Sohn Michael. Beide Eltern waren Flüchtlinge aus der Stadt Tschernowzy in der Bukowina (heute Černivci in der Ukraine). Sie waren in Unter-Rochlitz Nr. 8 untergebracht.

            Einige Male wurde auch erwähnt, dass auf dem Rochlitzer Städtischen Friedhof jüdische Begräbnisse stattfanden. Zu dieser Entscheidung führte sicher die beträchtliche Abgelegenheit von Rochlitz in bezug auf die nächsten jüdischen Friedhöfe. Nachweislich wurden hier sechs Personen jüdischen Glaubens bestattet, aber es scheint, dass auch weitere der Than- und Glaser-Kinder, deren Begräbnisort im Personenstandsregister nicht angegeben ist, in Rochlitz begraben wurden. Bis heute hat sich ein einziger deutsch-hebräischer Grabstein erhalten auf dem Grab von Johanna Schön (4.11.1824 – 5.6.1903). Auf dem dunklen Granitobelisk gab es früher noch ein Porträtmedaillon.

            Und kurz hielt sich noch Arnold Lilienthal, Vertreter der Berliner Firma Hirsch Kupfer und Messingwerke, im Riesengebirge auf, den die Volkszählung im Jahre 1921 auf der Wosseckerbaude in Sahlenbach (Rokytno) erfasste.

 

 

Rostok (Roztoky u Jilemnice)

 

            In Rostok wurde im J. 1908 die mechanische Weberei der jüdischen Besitzer J. Hahn und E. Kann gegründet. Der Sitz der Firma war in Prag, der Rostoker Betrieb wurde in den Häusern Nr. 216, 217 u. 228 eingerichtet und der Firma gehörte noch das Haus Nr. 233. Schon drei Jahre nach der Inbetriebnahme brach ein Streik in der Fabrik aus und ein Jahr später kündigten ihn die Beschäftigten erneut an. In ihrer Mitteilung an das Bezirksamt vom 9. März 1912 verlangen sie, die Dampfmaschine solle „wie früher normal laufen“, das Material solle von guter Qualität sein und die Beschäftigten sollen „nicht auf die Kettbäume warten müssen“, andernfalls sollen sie als Entschädigung 60 Heller pro Tag bekommen, viertens sollen sie zehnprozentige Zuschläge bekommen. Da sie keine Antwort bekamen, stellten am 23. März die Arbeit ein. Der Verlauf des Streiks muss ziemlich dramatisch gewesen sein, denn auch nach Verhandlungen mit dem Betriebsdirektor wurden am 29. März von insgesamt ca. 110 Arbeitern 51 entlassen, aber am 1. April wieder eingestellt. Vertreter der Beschäftigten konnten zuletzt mit der Direktion Vereinbarungen über alle ihre vier Forderungen erzielen.

            Schwierigkeiten begleiteten leider die Rostoker Fabrik auch in Zukunft. In den Tagen 31. August bis 14. September 1925 gab es einen allgemeinen Streik der Beschäftigten, im April 1926 teilt der Direktor Josef Janďura mit, dass die Produktion in Rostok eingestellt wird, weil die Produkte keinen Absatz finden. Damals arbeiteten etwa 100 Personen in diesem Betrieb, davon 60% Frauen.

            Im Zweiten Weltkrieg wurde das jüdische Vermögen allerdings arisiert und der Betrieb wird zur Firma Norbert Langer und Söhne. Die ursprünglichen Eigentümer Emil und Stephan Kann retteten sich durch Emigration nach Großbritannien. Nach dem Krieg erwarben die Herren Doubek und Rein die Fabrik als Nationalverwalter, es waren damals 135 Maschinen in Betrieb. Der Beschluss des Bezirksnationalausschusses Nr. 1266/46, der am 6. Januar 1947 rechtskräftig wurde, konfiszierte das Vermögen der Firma mit der Bemerkung, dass die Firmendirektoren auch in der Vorkriegszeit immer Deutsche waren, „sodass der Grund zur Konfiszierung, nämlich germanisierende Aktivitäten, gegeben ist“. Bald danach wurde die Fabrik in die PBZ-Betriebe eingegliedert.

            Es scheint fast zu auffallend, dass das Haus Nr. 232 von der jüdischen Familie Seiner bewohnt wird. Dessen Besitzer Hugo Seiner wurde im Jahre 1874 in Neveklov (Neweklau) geboren, hatte jedoch in Trautenau Heimatrecht. In Rostok trieb er mit Gattin Ada Kurzwarenhandel. Die Familie muss aber zwischen den Jahren 1921 und 1926 umgezogen sein, denn als Herr Hugo am 12. Oktober 1926 starb, geschah das im Hause Nr. 215. Das Begräbnis findet dann auf dem fernen Neuen jüdischen Friedhof im Prager Strašnice (Straschnitz) statt. Nichtsdestoweniger teilt der Rostoker Bürgermeister am 26. 11. 1942 dem Semiler Bezirksamt mit, dass sich das Haus Nr. 232 immer noch im Besitz von Alina Seiner befindet, zuletzt wohnhaft in Prag; laut Mitteilung des Hausmieters, des Bahnangestellten i.R. Jan Pech, wurde die Besitzerin „an einen unbekannten Ort evakuiert“.

            Gleichzeitig mit der Textilfabrik arbeitete in Rostok noch eine größere Weberei, deren Inhaber Karel Simon bis 210 Personen beschäftigte. Der Fabrikant selbst starb hier am 18. April 1919 im  Hause Nr. 47 im Alter von 66 Jahren. Obwohl er in Klein-Schüttüber (Malá Šitboř) bei Marienbad Heimatrecht hatte, wurde er auf dem jüdischen Friedhof in Jičin bestattet.

 

 

Studenetz (Studenec)

 

            Von der Anwesenheit jüdischer Familien in Studenetz erfährt man aus der örtlichen vorbildlich bearbeiteten Chronik im Stichwort Schnapsbrennerei (Haus Nr. 178). Diese war der letzte Rest des ehemaligen Studenetzer Landgutes, denn ursprünglich handelte es sich um gewölbte Marställe. Nachdem jedoch das Landgut aufgehoben wurde, richtete man dieses Gebäude als Schnapsbrennerei ein, die die jüdische Familie Willig gemietet hatte und hier Spiritus und Schnaps herstellte. Etwa am Anfang der sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts brannte jedoch die Schnapsbrennerei unter diesem Mieter aus. Das teilweise reparierte Gebäude hatte anschließend zwei Wohnräume und im restlichen Gebäude errichtete man das Spirituosenlager des jüdischen  Kaufmanns Lewith aus Hohenelbe. Der letzte Schankwirt, der das Lager betreute, gestaltete die Schnapsbrennerei zu einem Gasthaus um und später begann man Ende April 1900 mit dem Umbau des ganzen Gebäudes zu einem Wohnhaus. Einige Zeit war hier dann die Post untergebracht und die übrigen Räume vermietete man zum Wohnen.

            In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommt der jüdische Arzt MUDr. (= Dr. med.) Robert Seidler (geb. am 16.11.1874 in Plaňany/Plaňan) nach Studenetz. Er lebte gemeinsam mit Mutter Aloisie (geb. am 5.1.1854 in Velim/Welim) und Friederike Seidler (geb. am 28.2.1880 in Plaňany), die seine Schwester oder Gattin gewesen sein kann, in Miete im Antonín Bukovský gehörenden Haus Nr. 118. Die Familie erlebte in Studenetz den Anfang des Zweiten Weltkriegs, und so kann man deren Schicksal in der Chronik kurz nachlesen. Dr. Seidler durfte nicht mehr praktizieren, ab März 1942 konnten ihn die Einheimischen mit einem gelben sechzackigen, auf der Brust angenähten Stern sehen. Nach etwa einem Jahr von Erniedrigungen, immer weiteren Verboten und Anordnungen kam die Familie Seidler mit dem Transport Cl nach Theresienstadt und von hier im nächsten Winter am 15.12.1943 nach Auschwitz, woher niemand zurückkehrte.

 

 

Hochstadt an der Iser (Vysoké nad Jizerou)

 

            Man kann mit Sicherheit sagen, dass Hochstadt der Ort ist, wo sich Juden (innerhalb der Starkenbacher Gegend) zuerst auf Dauer niederlassen. Häufigere Erwähnungen  findet man bereits ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, wo die Juden Isaak Vítek aus Morchenstern (Smržovka) und Veit Markus aus Malá Skála (Kleinskal) Marktstände erwerben (im J. 1760 bzw. 1775).

            Im J. 1773 entstand in der Stadt ein Filialtabaklager, dessen erster Pächter Abraham Grünberger war. Einige Jahre später verwehrt sich die Gemeinde Hochstadt gegen Niederlassung seines Sohnes Samuel und die über diesen Streit im Stadtarchiv erhaltenen Schriftstücke erzählen über die Anfänge dieser Familie in Hochstadt.

            Vor 1773 lebte Abraham Grünberger, damals noch als Abraham Herschl, sowie seine Vorfahren in Turnau, wo er wahrscheinlich den Schutz der Obrigkeit von Hrubá Skála (Großskal) genoss. Nachdem er in diesem Jahr nach Hochstadt umzog, erwarb er hier kein erbliches Landpachtrecht und nach einigen Jahren (irgendwann zwischen den Jahren 1786 und 1793) musste er im Rahmen der josephinischen Reformen einen neuen deutschen Namen annehmen. Der Tabaklagerpächter, Leder- und Gemischtwarenhändler Abraham Herschl, manchmal Abraham Hochstadt genannt, wurde zu Abraham Grünberger und dieser Name blieb schon seiner Familie. Nach einem Verzeichnis vom Jahre 1793 genoss er bereits den Schutz der Semiler Herrschaft und lebte in Hochstadt (offenbar im Hause Nr. 135) gemeinsam mit seiner Frau Esther und seinen Kindern Simon, Samuel und Rosalie. Im selben Hause hielt sich damals noch der jüdische Kindererzieher Alexander Nagel aus Kolin (Kolín) auf.

            Einige Jahre vor seinem Tod überließ er das Tabaklager seinem zweitgeborenen Sohn Samuel, denn er ließ sich in Pecka nieder. Hier starb er auch am 11.6.1812 im Alter von 64 Jahren als Pächter der örtlichen Schnapsbrennerei. Der Spirituosenhandel war ihm nicht fremd, er hatte bereits in den Jahren 1783-1810 auf der Semiler Herrschaft das Schnapsbrennmonopol inne. Witwe Esther ging dann zurück nach Hochstadt zu Sohn Samuel, wo sie im Alter von 68 Jahren starb (am 1.2.1824).

            Bekannt sind vier Kinder, deren Eltern Abraham und Esther Grünberger waren. Simon wurde vielleicht später Mohel (der die Beschneidung vornimmt) in Nový Bydžov (Neubyd- žow), denn eine Person mit einem solchen Namen und Beruf wird im J. 1808 im Turnauer Personenstandsregister erwähnt. Die Schicksale der Töchter Rosalie und Sarah (* 1794) sind unbekannt und in Hochstadt blieb nur der zweitgeborene Sohn Samuel, der aber der Ungunst der Hochstädter Bürger trotzen muss, die in den Jahren 1818-1819 gegen seine Niederlassung prozessieren.

            Den Heiratskonsens und somit auch das erbliche Pachtrecht auf der Semiler Herrschaft gewann er am 3.12.1803 und seitdem verließ er wohl Hochstadt nicht. Er erweitert sein Geschäft um Leder-, Getreide-, Garn- und Gewürzhandel und widmet sich bis zum Tod des Vaters dem Tabaklager, das dann unter die Verwaltung des Katholiken Josef Špika kommt. Offenbar im J. 1818 vermietete Agnes Janatová, geb. Patočková, Samuel das Haus Nr. 126 nach Jiří Patočka, für fünfzehn Jahre gegen eine Jahresmiete von 200 Gulden, damit er dort sein Geschäft einrichtet. Dies stieß auf starke Ablehnung der Hochstädter Gemeinde. Das Haus befindet sich nämlich in unmittelbarer Nachbarschaft der Kirche. Die Bürger argumentieren, dass die Juden in ihrem Hause an christlichen Feiertagen und während christlicher Gottesdienste Lärm erzeugende Arbeiten verrichten, dass man aus deren Haus direkt in die Kirche blicken kann und dass aus der von Grünberger betriebenen Schenke schreiende, singende und den Platz beschädigende Betrunkene auf die Straße an der Kirche laufen; sie berufen sich auch auf den Fürsten, der durch seine Frömmigkeit gegen jegliche Herabsetzung und Missachtung des christlichen  Glaubens steht und behaupten, dass die Ansiedlung eines Juden in einem christlichen Haus nahe der Kirche die Bewohner insgesamt verärgert. Darüber hinaus, laut Patent vom 3.8.1797, darf ein Jude an einem Ort nur dann geduldet werden, wenn dort bereits vor dem J. 1725 ein Jude niedergelassen war, oder wenn der Jude Pächter eines Tabaklagers oder Obrigkeitsbodens, Metzger oder Schnapsbrenner ist. Und nach Aussage der ältesten Zeitzeugen lebte kein Jude in Hochstadt im J. 1725.

            Obwohl sie viele Gründe angegeben hatte, verlor die Hochstädter Gemeinde den Rechtsstreit und am 29.10.1820 erwarb Samuel Grünberger einen Marktstand zum Verkauf von Eisenwaren. Das gleiche Privileg hatten damals in Hochstadt noch die Neubydžower Juden Markus Kaufmann und Josef Schick (ab dem 26.5.1816) sowie Bernhard und Israel Stern (ab dem 8. Juli 1816).

            Bei dem Katastrophenbrand der Stadt am 29.7.1834 wurde Samuels Steinhaus als eines der wenigen nicht ganz zerstört und außerdem bezog sich darauf die Brandversicherung, die damals nur elf Hochstädter Bürger abgeschlossen hatten. Dieses Haus steht bis heute an der Ecke der Straße vom Marktplatz zur Kirche. Es gehört der Stadt, es befinden sich hier Wohnungen und Geschäfte und im Erdgeschoss kann man dank minimalen Bauveränderungen die ursprünglichen Gewölbe und weitere kleinere Baumerkmale sehen.

            Mit Gattin Sarah (etwa (1774-1832) hatte Samuel mindestens drei Kinder – Anton (geb. etwa 1805), Alexander und Albert. Das vierte, Hartwig, starb im J. 1809 nach neun Lebensmonaten.

            Anläßlich der Geburt seines Sohnes Siegfried wird Alexander Grünberger als Jungbunzlauer erblicher Landpächter und Baumwollwarenfaktor in Hochstadt Nr. 54 bezeichnet. Mit Gattin Katharina Geduldiger, Tochter eines Schnapsbrenners aus Rožátov (Rožatow), hatte er sich am ehesten in Mladá Boleslav (Jungbunzlau) niedergelassen. Der dritte Sohn Albert wurde Arzt und ließ sich mit Gattin Theresie Kraus aus Pardubice (Pardubitz) in Grottau (Hrádek nad Nisou) nieder, wo ihnen auch in den Jahren 1845 und 1846 die Kinder Johanna und Ludwig geboren wurden. In seinem Geburtsort blieb von Samuels Söhnen nur Anton. Als er am 28.4.1880 starb, hatte er ein Leben mit drei Gattinnen hinter sich – Amalia Poláček aus Mimoň/Niemes (Heirat 1836), Franziska Katz aus Veltrusy/Weltrus (Heirat 1845) und Helene Hlawatsch aus Neubydžow (Heirat 1848), mit denen er mindestens sechs Kinder zeugte. Keines von ihnen setzt jedoch nach dem Tod des Vaters die Familientradition fort und der Name Grünberger verschwindet somit aus Hochstadt an der Iser für immer. Das einzige, das an die Familie, die hier ein ganzes Jahrhundert lang lebte, heute erinnert, sind fünf Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Turnau, unter denen Anton, Amalia, Helene und Marie Grünberger ruhen.

            Am Ende der 70. und am Anfang der 80. Jahre des 19. Jahrhunderts lebte der jüdische Kaufmann Alois Pick mit Familie im Hochstädter Haus Nr. 10.

            Die ländliche Atmosphäre von Hochstadt an der Iser wurde am Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Gestalt des fortschrittlichen Arztes Adolf Schwab (Šváb) aufgewirbelt. Er entstammte der Familie des Fahrdienstleiters in Bystřice (Bystřitz) bei Benešov (Beneschau), wo er auch am 18. April 1876 im Hause Nr. 138 geboren wurde. Vielleicht Ende 1902 oder im folgenden Jahr heiratete er Marie Margarete Martha Taussig (geb. am 7. März 1879 in Beneschau Nr. 162, gest. 1958 in Pilsen), die sich kurz zuvor hatte taufen lassen. Marie war das jüngste der elf Kinder des Beneschauer Rechtsanwalts jüdischer Abstammung Dr. Jakob Taussig und seiner Frau Julia Meisl aus Žehušice (Sehuschitz), die Tante der Mutter des Semiler Schriftstellers Olbracht war, geb. Schönfeld.

            Den Chefarztposten im Hochstädter Allgemeinen Krankenhaus des Kaisers Franz Josef  bekam Dr. Šváb im Jahre 1902. Wie sich Františka Jandová erinnerte, war es für das Krankenhaus eine goldene Zeit.

            Dr. Šváb wurde in Hochstadt als ein sehr freundlicher und guter Arzt mit einer äußerst zahlreichen Klientel bekannt. Unter seiner Leitung verfügte das Krankenhaus über ein Röntgengerät und eine Küche. Jedoch nicht nur als ein hervorragender Arzt wurde Dr. Šváb in Hochstadt zur Legende. Die im Hochstädter Stadtmuseum erhaltenen Fotos zeigen ihn als Liebhaber moderner Technik. Eine neuerdings als Ansichtskarte herausgegebene Aufnahme aus dem Jahre 1902 zeigt eine sechsköpfige Radfahrergruppe mit der kleinen Gestalt von     Dr. Šváb am linken Rand. Ein Jahr später durchquerte er bereits das Riesengebirge auf einem Motorrad mit seiner Frau im Beiwagen und seine Technikbegeisterung krönte er im Jahre 1907 durch den Kauf eines PKWs – des ersten in Hochstadt an der Iser. Frau Jandová erinnerte sich, dass der PKW in Turpišs Scheune untergebracht war, langsam fuhr, aber einen ungeheuren Lärm machte. Etwa fünf Jahre später zog  Dr. Šváb nach Pilsen um, wo er eine Arztstelle bei der Bahn antrat. In der westböhmischen Metropole blieb er für den Rest seines Lebens und starb dort am 26.2.1954.

 

            In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Riesengebirgsvorland zum In- begriff der Entwicklung der böhmischen Textilindustrie, wobei hier ein beträchtlicher Teil der Betriebe jüdischen Besitzern gehörte.

            Am 27.11.1889 wurde die Firma Herzfeld & Fischel der Inhaber August Fischel und Johann Herzfeld am Landgericht in Jičin in das Handelsregister eingetragen. Der Haupt- betrieb entstand bereits 1872 in Hochstadt an der Iser, nach 12 Jahren zog aber die Seiden-, Woll- und Baumwollweberei nach Buřan (der Gewerbeschein wurde am 16.7.1884 ausgestellt) mit einem Filialbetrieb in Wien. Die Firma beschäftigte damals in Rochlitz an der Iser und dessen Umgebung zwölf Hausweber, die an eigenen Webstühlen arbeiteten.

            Das Fabrikgebäude Nr. 36 in Buřany bauten im Jahre 1870 die Inhaber Josef Glinger und Dufke aus Rochlitz, denen es zunächst die Gesellschafter Schilhan, Scholz und Steinert abkauften, die hier eine Dreherei einrichteten und das Haus Nr. 38 anbauten. Erst die dritten Inhaber waren Herzfeld und Fischel, die an die Fabrik die Wohnvilla Nr. 42 anbauten und im Jahre 1884 das ursprüngliche Haus Nr. 38 erweiterten. Die Weberei wuchs schnell und im Jahre 1890 gründet sie eine Filiale in Hochstadt an der Iser-Hradsko, die zum Hauptsitz der Firma wird.

            Herzfeld und Fischel bezogen in Hradsko fertige Gebäude. Das Haus Nr. 156 erbaute nämlich bereits im  J. 1884 die Fadenfabrik Schilhan, Scholz und Steinert an der Stelle der sog. Hradsker Mühle (Hradský mlýn) des Franz Mohr. Die neuen Inhaber lassen sich hier endgültig nieder und richten hier eine Seidenweberei und –schlichterei ein, spezialisiert auf Kirchengewänder. Gleich nach dem Start im Jahre 1890 beginnt die Firma erfreulich zu wachsen. An der ehemaligen, jetzt überflüssigen Fabrikbleiche errichtet sie Arbeiterwohnungen (Nr. 264) und beantragt gleichzeitig die Erlaubnis, die Häuser Nr. 261 (ehemaliges Lager), Nr. 262 (ehem. Büros) und das daran anschließende Lagerhaus zu Wohnhäusern umzubauen. Bis Oktober 1890 war alles fertig. Vier Jahre später baut der Hofarchitekt von Herzfeld und Fischel, Franz Hajek (František Hájek) aus Rochlitz an der Iser ein weiteres einstöckiges Wohnhaus an die Fabrik und im J. 1897 entsteht der Entwurf eines neuen großen Fabrikgebäudes. Im selben Jahr verursachte jedoch ein Hochwasser der Firma einen Schaden in Höhe von 7950 Gulden. Am 13.1.1899 stirb einer der Inhaber, Johann Herzfeld in Hradsko im Alter von 72 Jahren am Hirnschlag und wurde trotz seiner jüdischen Abstammung auf dem Städtischen Friedhof in Rochlitz an der Iser bestattet.

            Der Betrieb wuchs weiter, so baute man im J. 1905 das Kesselhaus und die Schlosserwerkstatt um und auf einer Fläche von mehr als 1200 m2 entsteht innerhalb von 2 Jahren eine dreigeschossige Fabrikhalle nach Plänen des Wiener Ingenieurs Arnold Stössel mit Seidenwebstühlen. Der Name Seidenwaren- & Kirchenstoff-Fabrik Herzfeld & Fischel wird zu einem echten Begriff.

            Im Juni 1922 brach ein Streik im Betrieb aus. Eine Unruhe machte sich bereits ab Januar durch erhöhte Abwesenheit der Arbeiter wegen Krankheit bemerkbar. Einige Krankengeldansprüche wurden nicht anerkannt, was zu einer empörten Stimmung gegen die Kranken- kassenangestellten führte. Es kam jedoch zu keiner Gewaltanwendung. Im Juni 1927 gab wiederum Unruhe wegen der Löhne. Ein Teil der 457 Arbeiter (davon nur 135 Männer) drohten damals mit Streik, der jedoch keine allgemeine Zustimmung bekam. Am 12. Juni kam der Sekretär der Volkssozialistischen Textilarbeitergewerkschaft nach Hradsko und ein Tag später selbst der Firmeninhaber aus Wien. Sie konnten durch eine Vereinbarung mit den Vertrauensleuten der Hradsker Arbeiter den Streik abwenden.                                                                                                                                      

            In den 20. Jahren errichtete die Firma Lager und Büros in Prag und in Hradsko baute sie eine Doppel-Francisturbine und wollte u.a. das Wehr erhöhen. Allerdings gab es gegen solche Vorhaben immer Proteste der Grundstück- und Fabrikbesitzer an der Iser stromabwärts, die eine Wasserspiegelsenkung befürchteten. Die Stauanlage wurde bis in die 2. Hälfte der 30. Jahre angepasst. Es wurde noch ein neues Bürogebäude (im J. 1925) gebaut, die Kantine erweitert (im J. 1927) und die Fabrikhalle bekommt ein weiteres Stockwerk (eben- falls im J. 1927). 

Die Unterzeichnung des Münchner Abkommens bedeutete für die renommierte Firma Seidenwaren- & Kirchenstoff-Fabrik Herzfeld & Fischel in Hradsko eine bisher ungekannte Gefahr. Die Nähe der Demarkationslinie zwang die Gesellschafter im September 1938, den Sitz des Hauptbetriebes von Hradsko nach Prag an die Adresse Oskar Fischels zu verlegen. In den Tagen vom 16. bis 21. November wurde die Fabrik in Hradsko geräumt und als neuer Fabriksitz Nový Bydžov (Neubydžow) ausgewählt. An den neuen Standort brachte man 120 Waggons Maschinen, Einrichtungen und Rohstoffe. Man hat hier innerhalb kurzer Zeit 150 Webstühle in Betrieb gesetzt, an denen etwa 130 Personen arbeiteten. Die hier erzeugten Stoffe waren oft die einzigen ihrer Art im tschechischen Restgebiet.

Angesichts der jüdischen Abstammung der Inhaber wurde der bisherige Prokurist der Firma Heřman Prokop zu ihrem Verwalter ernannt, der von den öffentlichen Gesellschaftern eine Vollmacht zur Liquidation des Betriebes bekam, damit dieser nicht in deutsche Hände fällt. Das tschechische Handelsministerium gab daher am 4. Januar 1939 die Entstehung einer neuen Aktiengesellschaft Východočeská továrna na hedvábí v Novém Bydžově (Ostböhmische Seidenfabrik in Neubydžow) bekannt. In dieser Form existierte die Fabrik jedoch nicht lange. Das Amtsgericht in Wien bestellte am 4. April 1939 zu ihrem Treuhänder Herbert Burgstaller, den bisherigen kommissarischen Verwalter der Firma; in nicht ganz vier Monaten, am 22. Juli, wurde der letztere durch den vom Reichsprotektor eingesetzten Wiener Kaufmann Max Führer ersetzt, der die Fabriken in Neubydžow und Hradsko sowie das Zentralbüro und Lager in Prag als sein Eigentum käuflich erworben hatte. Ab dem 15. Juni 1940 existierte somit eine neue öffentliche Handelsgesellschaft Seidenweberei Führer & Co. mit Sitz in Hradsko.

Nach Kriegsende mussten beide Gesellschafter, Max Führer und Rudolf Christ, ihren Besitz verlassen.

Man unterstellte den Betrieb der Nationalverwaltung mit den vorübergehenden Nationalverwaltern Josef Hejna, technischer Beamter in Rtyně v Podkrkonoší (Hertin) und Rudolf Fišera, Disponent in Rochlitz an der Iser, und am 22. Januar 1946 erschien im Firmenregister zum erstenmal der Name Krkonošská tkalcovna hedvábí, dř. Herzfeld a Fischel (Riesengebirgs-Seidenweberei, ehem. Herzfeld und Fischel). Kurz danach, am 6. September, teilt JUDr. Václav Nykl auf einer Plenarsitzung des Bezirksnationalausschusses in Starkenbach mit, dass man den Antrag des ehemaligen Besitzers der Firma Herzfeld und Fischel auf Eigentumsrückgabe abgelehnt hat, weil „die Besitzer nicht nur Deutsche waren, sondern auch die Umgegend germanisierten. Alle höheren Angestellten und Werkmeister in der Firma waren Deutsche, nur die Arbeiterschaft war tschechisch.“ Es ist nicht bekannt, wer konkret die Rückgabe beantragte, man weiß nur, dass Oskar Fischel, einer der Gesellschafter, noch vor 1939 starb. Durch einen Beschluss des Starkenbacher Bezirksnationalausschusses wurden am 11.3.1948 die Tkalcovny hedvábí, národní podnik, Praha (Seidewebereien, VEB, Prag) zum Nationalverwalter bestellt und während des Jahres 1949 wurde die Firma nationalisiert.

Die ehemaligen Besitzer unternahmen noch einige erfolglose Schritte, um die Fabrik zurückzubekommen. In der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde die Firma als VEB Silka Hradsko bekannt.

Sofern heute noch Menschen jüdischen Glaubens auf dem Gebiet des ehemaligen Starkenbacher Bezirks leben, bekennen sie sich nicht öffentlich dazu und dem Autor ist nicht bekannt, ob sie mindestens symbolisch der jüdischen Religion angehören.