Freundeskreis Jablonec an der Iser –Rechenschaftsbericht für das Jahr 2004

 

Das Jahr begann Anfang Januar wieder auf der Wachstein – Baude mit der beliebten Programmmischung aus kleineren Wanderungen, Musik am Abend und Fahrten in die nähere Umgebung. Eindeutiger Höhepunkt war aber der Besuch des Neujahrskonzerts im Stadttheater Gablonz mit der bekanntesten tschechischen Opernsängerin Magdalena Kozena, als Bach- und Mozartinterpretin auf den großen Bühnen der Welt zu Hause. Am Ende gab es knapp 20 Minuten Beifall, da erübrigt sich jeder weitere Kommentar.

 

Im März begleitete ich den jetzigen Bürgermeister Schmittdiel auf seinem „Antrittsbesuch“ nach Jablonec. Wir hatten ein zeitlich anspruchsvolles Besuchsprogramm vorbereitet, das neben einer möglichst großen Zahl an Ortsterminen in Jablonec auch Gespräche mit dem Bürgermeister von Hohenelbe ( als Sprecher aller Städte und Gemeinden im Riesengebirge) und mit der Leitung der Nationalparkverwaltung  Riesengebirge (als zentraler Verwaltungsinstanz mit einer Reihe von überörtlichen Kompetenzen) vorsah. Die Fahrt wurde abgerundet durch ein Treffen mit einem hochrangigen Volkswirt der Tschechischen Nationalbank sowie mit dem Vorstandsmitglied einer deutschen Bank in Prag. Der ebenfalls geplante Besuch im tschechischen Außenministerium musste leider entfallen.

 

Im Monat März 2004 hätten wir das fünfzehnjährige Bestehen unseres Vereins feiern können, der am 16. März 1989, also noch vor der Wende, von 18 Gründungsmitgliedern aus der Taufe gehoben worden war . Im August reisten die Sulzbacher Kleingärtner nach Jablonec. Wir konnten Unterstützung geben in  Vorbereitung und Programmgestaltung. Der Besuch bei den Jablonecer Kleingärtnern , die über ihren „Kleingärtneralltag“ berichteten, war ein voller Erfolg.

 

Im September knüpften wir an die Tradition der Vorjahre mit einer  Wanderwoche an und zwar zum ersten Mal im Böhmerwald . Dazu gab es einen ausführlichen Bericht im Sulzbacher Anzeiger. Ein buntes Programm  aus Tageswanderungen, Besichtigungen und Gesprächen ließ kaum einen Wunsch offen. Selten gab es am Ende einer so ungewöhnlich harmonischen Wanderwoche, bei der wir bis auf einen Regentag mit warmem herbstlichem Wetter verwöhnt wurden, soviel Lob und Zustimmung.

 

Unmittelbar auf die Wanderwoche folgte eine – wieder über die Sulzbacher Grenzen hinaus beachtete - Vortragsveranstaltung mit der Historikerin  Dr. Alena Miskova  von der Prager Karls – Universität zu dem Thema „Tschechen und Deutsche in den Böhmischen Ländern der dreißiger und vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts“, bereichert durch eine engagierte Diskussion unter Leitung von Prof. Dr. Rudolf Grulich. Der Vortrag fand auch ein beachtliches überregionales Presseecho. Sogar die Sudetendeutsche Zeitung brachte einen längeren Bericht. Sie schrieb u.a. über die Veranstaltung: „Die Referentin vermied jegliche Klischees und Schuldzuweisungen. Sie ging ganz objektiv an dieses sensible Thema heran...Solche Vorträge sollten auf einer breiteren Ebene angeboten und breit publiziert werden. Damit könnte ein großer Beitrag zur gegenseitigen Verständigung geleistet werden.“

 

Im Herbst verstarb unser langjähriges Vereinsmitglied Karl Sacher, der in Eppstein wohnte und dennoch regen Anteil an unserem Vereinsleben nahm. Herr Sacher war das letzte Vereinsmitglied, das in der Region geboren wurde: Westliches Riesengebirge und östliches Isergebirge – präzise mit dem Buchtitel „Das Land um die Iser“ eingegrenzt. Karl Sacher hat mir viel über seine Kindheit und Jugend in den dreißiger Jahren in einem von großer Existenznot geprägten Umfeld erzählt . Er musste schon von Kindesbeinen an zu Hause mitarbeiten. Sein Vater war Schuhmacher mit einem kärglichen Einkommen, aber Karl konnte Wintertags an Wochenenden als Kofferträger auf dem Bahnhof Grünthal (heute Korenov) mehr Trinkgeld nach Hause bringen als Vater Sacher im ganzen Jahr verdiente (Anmerkung: Der Bahnhof Grünthal war damals die deutsche Endstation der D-Zugverbindungen von Berlin ins Riesengebirge, in den 50ziger Jahren fiel er durch Gebietsaustausch von Polen an die Tschechoslowakei.)  Wir gedenken aber auch unserer anderen verstorbenen Vereinmitglieder und Freunde.

 

Zum Pfarrfest an Fronleichnam spielte die Riesengebirgsblaskapelle, die Kapelle trat dann im Oktober anlässlich der Sulzbacher Kerb nochmals auf. Im Juli konnten wir erneut 4 Schülerinnen zu einem zweiwöchigen Ferienaufenthalt begrüßen, darunter  zwei Mädchen, die bereits im Vorjahr dabei gewesen waren. Großer Dank gebührt neben der Gemeinde Sulzbach und ihren Mitarbeitern im Jugendhaus vor allem Frau Hochgesand, die nicht nur Gastgeberin für alle vier Kinder war, sondern sich auch liebevoll um die jungen Damen kümmerte. Wie sehr es den Mädchen bei Frau Hochgesand gefallen hat, lässt sich nur an den Tränen ermessen, die zum Abschied an einem nebligen Augustmorgen flossen.

 

Zum Sulzbacher Weihnachtsmarkt besuchten uns zum zweiten Mal 4 Schüler mit ihrer Deutsch - Lehrerin von der weiterführenden Mittelschule in Vysoke / Hochstadt. Die 4 Teilnehmerinnen der Ferienspiele waren auch wieder präsent und konnten sich erneut nur schwer von Sulzbach trennen. Erstmals trat der neue Kammerchor KALANDRA in den kath. Kirchen von Sulzbach und Bad Soden auf und überraschte durch Qualität und Frische seines Vortrags. Jablonecer Feuerwehrleute  boten auf dem Weihnachtsmarkt Spezialitäten aus dem Riesengebirge an. Der Markt selbst brachte unserem Verein wie gewohnt einen guten Überschuss. Weitere Vereinsmittel in Höhe von knapp € 3.500 wurden aufgewendet , um kinderreichen Familien und Alleinerziehenden zu Weihnachten wieder eine Unterstützung in Höhe von insgesamt CZK 120.000 (pro Kind CZK 1.000 / ca. € 33 ) zahlen zu können. 15 Rentner, die im Krankenstand sehr hohe Zuzahlungen beim Kauf von Medikamenten zu leisten haben, erhielten erneut einen Zuschuß in Höhe von je CZK 1000, also insgesamt € 500 . Allen Spendern sowie Ihnen als Vereinsmitgliedern sei an dieser Stelle für all diese Hilfe herzlich gedankt, können wir so doch viele bedürftige Menschen in unserer Partnergemeinde unterstützen. Das zeigt sich an dem vorliegenden Schreiben des stellv. Bürgermeisters Kubat . Dank gilt ebenfalls allen Sulzbachern, die sich an der vorweihnachtlichen Paketaktion für Freunde und hilfsbedürftige Bürger im Riesengebirge beteiligten. Auch der Leiter des deutsch – tschechischen Begegnungszentrums in Trautenau, Herr Fiedler, lässt allen Sulzbacher Bürgern  herzliche Grüße ausrichten.

 

Ferner konnten wir die Schule  in J. wieder beim Erwerb von Lehrmitteln und Unterrichtsmaterial unterstützen. Eine zeitaufwendige Aktion war die Vorbereitung eines Transports von alten Schulmöbeln der Eichwaldschule in die CR. Viele Stunden wurden in der warmen Sommerzeit damit verbracht, die nicht immer leichten Möbel im Erdgeschosses der  Schule zusammenzutragen. Unermüdlich waren als treibende Kräfte im Einsatz Martin Klaus und Malte Kuna, unterstützt durch mehr als 20 Helfer. Zum Ende konnte ein Sattelschlepper bis auf den letzten Kubikzentimeter gefüllt werden, rund 93 cbm. Eine Hälfte des Materials ging nach Jablonec, die andere in eine kirchliche Schule in die Nähe von Pilsen.

 

Auch haben wir die Unterstützung der Jablonecer Vereine fortgesetzt. 11 Gruppen erhielten je € 150, ein großer Verein, nämlich die Feuerwehr, € 300. Angesichts der sehr niedrigen Einkommen können vor allem ältere Vereinsmitglieder keine Beiträge zahlen. Aus dem Spendenaufkommen anlässlich eines Geburtstages konnten der Musik- und Künstlerschule für dringend benötigte Anschaffungen sowie der Pfarrei für  Reparaturarbeiten am denkmalgeschützten Pfarrhaus jeweils € 1.400 zu Verfügung gestellt werden. Ein Vereinsmitglied schenkte der Musikschule eine wertvolle Violine,  die er zuvor auf eigene Kosten instandsetzen ließ. Wir unterstützten ferner den Bau eines in Vereinsregie erstellten Veranstaltungspavillons im Jablonecer Park, um dem sommerlichen Vereinsleben einen neuen Mittelpunkt zu geben.

 

Die jährliche Haushaltshilfe der Gemeinde Sulzbach in Höhe von  € 6.000,-- wurde in 2004 in einer Summe für die Jahre 2003 und 2004 gezahlt. Sie wandert in den Grundstock für das Projekt „Brücke“, d.h. den  Ersatz der als „lebenswichtig“ anzusehenden Brücke über die Iser. Der Baubeginn musste leider weiter verschoben werden, da die EU-Mittel noch nicht fließen und eigene Mittel in nennenswertem Umfang nicht vorhanden sind.

 

Die Arbeitslosenquote betrug in Jablonec Ende 2004 9,2 % (nach 10,2 %), also die Tendenz war leicht fallend. In absoluten Zahlen: Es gab 91 Arbeitslose bei knapp 1000 Einwohnern im arbeitsfähigen Alter.

 

Herzlichen Dank der Kath. Kirchengemeinde, die uns wie immer ihre Räumlichkeiten kostenlos zur Verfügung stellte. Der Dank gilt ferner dem Sulzbacher Gemeindevorstand für das entgegengebrachte Verständnis sowie den Mitarbeitern im Rathaus, die mit der Hilfe und Unterstützung für Jablonec befasst sind. Zum Verein: Der hatte zum Jahresende immer noch 208 Mitglieder. Damit halten sich Kündigungen und Neuzugänge wieder die Waage. Zu uns als Vorstand: Wir trafen uns zu 5 Arbeitssitzungen, die bei einer Dauer von durchschnittlich 2 ½ Stunden viel Zeit und Kraft kosten. Eine Randbemerkung zu meiner Person: Ich habe im letzten Jahr immerhin zwei Monate in der CR zugebracht, davon die Hälfte in unserer Partnergemeinde. Insofern ist –ergänzt durch regelmäßige Telefonate – eine lückenlose Kommunikation gewährleistet. Unser herzlicher Dank gilt auch allen Gastgebern, seien sie nun Vereinsmitglieder oder nicht, die durch selbstloses Handeln die vielen Besuche aus unserer Partnergemeinde hier in Sulzbach möglich machen.

 

Unser Dank gilt der Geschäftsführung des MTZ, die weiterhin unsere Arbeit unterstützt. Dank wollen wir abstatten gegenüber der Stadtverwaltung Jablonec sowie Frau Janouch, die ihren Deutschunterricht an der Jablonecer Schule mit unverändertem Engagement fortführt. Dank sagen wir dem Jablonecer Arzt Dr. Puskarcik, der wieder Sulzbacher Besucher kostenlos behandelte, glücklicherweise mit „fallender“ Tendenz.

 

Weiter zu unserem  Engagement vor Ort: Auch als Mitglied im Trägerverein für das deutsch – tschechische Begegnungszentrum Trautenau sowie im Theaterverein Vysoke  (Hochstadt) konnten wir helfen. 2005 wird es beim dortigen Rübezahl – Theaterherbst voraussichtlich wohl erstmals durch unsere Vermittlung zu einem deutsch – tschechischen Gemeinschaftsbeitrag kommen, nähere Einzelheiten möchte ich aber erst nennen, wenn die Details festliegen. Über die Finanzen wird Ihnen Dr. Wolpers berichten. Danach beliefen sich die Hilfsaktivitäten in 2004 auf rd. € 16.500. Dass sich die Tschechische Krone um knapp 10 % verteuert hat, bekommen wir zu spüren: Um einen bestimmten Betrag in CZK zu zahlen, müssen wir also 10 % mehr in € aufwenden. Wir sind somit an einem Scheideweg angelangt. Stark sinkende Einnahmen werden dazu führen, dass wir unsere Leistungen in 2005 erstmals reduzieren müssen. Wie es in den nächsten Jahren weitergehen soll, darüber wird nachzudenken sein. Leider hat der Sulzbacher Gemeinderat beschlossen, zur Haushaltssanierung die jährliche Zuwendung für Investitionen an die Partnergemeinde von € 6.000 auf € 5.000 zu kürzen.

 

Zum Abschluss noch ein paar Stichworte: Jablonec hat einen respektablen Internetauftritt (www.jablonecn.j.cz), es gibt auch eine ständige Kamera am oberen Ende des Skilifts (www.hydronet.cz)/ Bis Anfang Januar 2005 war die Wintersaison gut, danach konnten die neuen Beschneiungsanlagen wegen zu hoher Temperaturen kaum eingesetzt werden. / Einer der beiden Betreiber der Wachsteinbaude, Vaclav Cervenka sitzt seit Spätherbst 2004 für die ODS als Abgeordneter  im Regionalparlament in Reichenberg. / Die Eisenbahnstrecke Rostock – Tannwald soll nach Informationen aus dem Internet jetzt durchgängig befahrbar sein – es gab allerdings keine Informationen, ob alle mit dem Angebot zufrieden sind.

 

Die Befürchtungen in Zusammenhang mit der EU – Aufnahme haben sich weitgehend gelegt. Vor allem werden die erweiterten Einkaufsmöglichkeiten in Polen genutzt. Alles sieht nach einer Normalisierung aus. Allerdings recht schwierig gestaltete sich  in der Praxis der Versuch, zwei landwirtschaftliche Praktikanten aus dem Riesengebirge bei Sulzbacher Landwirten unterzubringen. Die dabei gesammelten vielen negativen Erfahrungen mit amtlichen deutschen Stellen zu schildern, würde den heutigen Zeitrahmen sprengen. Am Ende gelang es zwar, durch die guten Verbindungen eines Vereinsmitgliedes den geeigneten Weg aufzuspüren, aber die vorangeschrittene Zeit ( und weitere Faktoren) machten eine Umsetzung unmöglich. Am Ende steht die enttäuschende Erfahrung, dass die deutsche Verwaltung nicht selten sehr viel Kraft darauf verwendet, positive Entwicklungen in Europa durch bürokratisches Kleingestrüpp zu verhindern.

 

Bitte unterstützen Sie daher wie bisher unsere Arbeit für das weitere Zustandekommen einer deutsch-tschechischen Versöhnung und Verständigung in einem demokratischen  Europa. Ein Besuch in Lothringen zu Pfingsten 2004 hat mir gezeigt, wie weit schon der Prozess der deutsch – französischen Annäherung gediehen ist. Das als Meßlatte genommen, da bleibt wohl noch ein gutes Stück Weg in den deutsch – tschechischen Beziehungen zurückzulegen. Gehen wir also weiter an die Arbeit.