Unterwegs auf dem Goldenen Steig – Böhmerwald 2004

 

In diesem Herbst hatte der Freundeskreis Jablonec für seine Wanderwoche erstmals ein Gebiet an der westlichen Grenze der Tschechischen Republik ausgesucht. Zukünftig soll - jedes Jahr im Wechsel - im Riesen-/Isergebirge und in einer anderen Region Böhmens gewandert werden, um das Land nach und nach auch zu Fuß kennen zu lernen.

 

Wir hatten einen Standort in der Mitte des Böhmerwaldes ( tschechisch: Sumava, d.h. die Rauschende) gewählt, die alte Glasmachersiedlung Kubohütten ( Kubova Hut) , was sich aus verschiedenen Gründen als ausgemachter Glückstreffer erwies: In Kubohütten liegt z.B. der höchste Bahnhof der Tschechischen Republik ( 996 m ), so konnten die Zugverbindungen der Böhmerwaldbahn gut mit den  Tageswanderungen kombiniert werden. Außerdem war das Dorf der höchste Punkt des „Goldenen Steigs“, einer alten (Salz)handelsstrasse aus dem 13.Jh. zwischen Passau und Böhmen, die viel Reichtum ins Land brachte und die man als ideelle Achse unserer Wanderungen bezeichnen könnte.

 

Nach individueller Anreise hatten sich  35 Teilnehmer in Kubohütten eingefunden, die meisten kannten sich schon von früheren Wanderungen.  Mit der Unterbringung im ruhig gelegenen Hotel Arnika waren alle sehr zufrieden, das Haus hatte neben einer ausgezeichneten Küche auch Hallenbad und  Tennisanlage anzubieten.

 

Am ersten Morgen (Sonntag) gab es lange Gesichter: Beim Frühstück regnete es Bindfäden. Nach 30 Minuten aber konnten die Wanderer zur ersten Strecke starten, den Weg zum Gipfel des berühmten  Kubani – Berges (Boubin), mit einer Höhe von 1362 m eine der höchsten Erhebungen des Böhmerwaldes . Es  regnete zwar leicht weiter und bei Erreichen des Gipfels pfiff auch der Wind recht ordentlich, aber wir pfiffen zurück und so ging die Sache unentschieden aus. Auf dem Gipfel übrigens erinnert ein Gedenkstein an eine Besteigung durch Kardinal Schwarzenberg, die schon 1867 als hervorragende Leistung gewürdigt worden war. Wir rechneten uns unseren Anstieg auch als großartige Leistung an – unter erschwerten Bedingungen, denn wir waren dabei innen und außen ziemlich nass geworden. Beim Abstieg verfehlten wir den Abzweig zum Kubani – Urwald, schon seit 1858 unter Naturschutz. So liefen wir an einem langen Wildgehegezaun entlang, unterwegs waren mehrere  Gemarkung - und Kilometersteine in deutscher Sprache zu sehen – renoviert und informativ. Langsam knurrte der Magen , der Weg sollte uns nach Schattawa (Zaton) führen. Es regnete zwar immer noch, aber die Wanderer - Vorhut war neugierig und schnell unseren Blicken entschwunden. Ein Lob der Langsamkeit: Wir entdeckten ein leeres Gasthaus etwas abseits des Weges. Die Gastwirtin lud freundlich ein:: 33 Wanderer, aber nur 26 Sitzgelegenheiten. Nach dem Wiedereinfangen der Vorhut fanden aber alle Platz  in einem Raum wie ein „großes Wohnzimmer“, liebevoll vollgestopft  mit allerlei persönlichen Erinnerungstücken bis hin zu Bildern des Großvaters in kuk Uniform aus dem 1. Weltkrieg. Aus der Küche wurde in Windeseile Böhmische Hausmannskost aufgetischt. Jeder aß und trank, so gut und so viel er konnte:  Suppen, Schweinebraten, Knödel, Schnitzel, Hackbraten mit Ei, Palatschinken, Liwanzen, Kuchen, Desserts –  dazu Kaffee, Bier und Selbstgebrannten (in Selbstbedienung). Dementsprechend schwierig war die Schlussabrechnung.

Der Weg zum Bahnhof Schattawa musste später in aller Eile zurückgelegt werden, aber der Zug war nicht pünktlich. Es zeigte sich, dass wir den Schnellzug nach Prag würden benützen können ( Der stellte sich später als gut funktionierender Veteran heraus, der jeden Freitag von Prag nach Wallern (Volary) fährt und jeden Sonntag von dort zurück nach Prag). Wo sonst kann man einen Museumszug in freier Wildbahn erleben ??? Zumindest ist dafür andernorts ein saftiger Obolus zu entrichten.

 

Am nächsten Morgen (Montag) ging es mit dem Bus nach Winterberg (Vimperk) , zur Nationalparkverwaltung Böhmerwald. Dort nahmen wir Forstmeister Stemberk auf, der uns an diesem Tage begleiten sollte und dafür ein interessantes Programm vorbereitet hatte. In Ferchenheid (Borova Lada) gab es eine erste Information über die Aufgaben der Nationalparkverwaltung (NPS), danach ein praktisches Beispiel zur Arbeit: Wir besichtigten einen Moorsee mit dem größten „Moorauge“ in Böhmen und erhielten dazu eine fachkundige Naturführung. Weiter ging’s nach Außergefild (Kvilda): Im dortigen Museum ist ein sehr informativer und objektiver Überblick über Geschichte, Land und Leute zu sehen. Beeindruckt, zugleich aber nachdenklich verließen wir die Ausstellungsräume und sahen anschließend  im Infozentrum der NPS einen Film über die Natur(schönheiten) des Böhmerwaldes. Das Mittagsessen in der kürzlich renovierten Klostermann – Hütte in Mader (Modrava) ließ keine Wünsche offen, das Haus empfiehlt sich unbedingt als Standquartier für kleine Wandergruppen. Aus zeitlichen Gründen mussten wir uns die Besichtigung des historischen Tettauer Schwemmkanals ( zum Schwemmen von Holz gedacht, heute technisches Denkmal) schenken, hielten kurz an in Antygl ( ein sehr gut erhaltener, historisch bedeutsamer Bauernhofkomplex) und starteten dort eine geführte Naturwanderung durch das wildromantische Widra (Vydra) – Tal [Schachtelei], wo z.B. Fischotter zu beobachten sind. Unterwegs lud zwar die Turnerhütte zum Verweilen ein, aber wir hatten noch einen Halt in der alten Bergstadt Bergreichenstein (Kasperske Hory) vor uns. Der große Reichtum dieser Stadt war eine Folge der exponierten Lage am Goldenen Steig, aber auch des Bergbaus mit vereinzelten Goldfunden. Eine in ihrer Ursubstanz gotische Kirche (14.Jd.) und die Größe des dortigen Marktplatzes mit vielen historischen Fassaden künden von  verflossener Pracht. Am Tagesende gab es - redlich verdient - großen Beifall für Herrn Stemberk.

 

Dienstag: Ein Bus brachte uns erneut nach Außergefild. Wir fühlten uns nach dem Aufenthalt vom Vortage schon auf vertrautem Terrain und trafen beim Aussteigen  wieder auf Herrn Stemberk, der dort dienstlich zu tun hatte. Inzwischen hatte der Himmel seine Farbe von tiefschwarz in tiefblau gewechselt, bei spätsommerlichen Temperaturen konnte Rückweg nach Kubohütten angetreten werden. Die Wanderung führte durch eine abwechslungsreiche Landschaft auf der Hochebene des Böhmerwaldes, kurz vor Mittag erreichten wir die alte Siedlung Kaltenbach (Nova Hut), mit ansprechenden Unterkünften – im Winter ein Langlaufparadies. Bald darauf wartete ein Mittagessen. Unser Hotel hatte mitten in der Natur ein Picknick vorbereitet, sogar mit einer in Böhmen unverzichtbaren Suppe (und natürlich gut gekühltem böhmischem Bier). Zu unserer Erinnerung an diesen Halt gehört auch ein Landzusteller der tschechischen Post, der bei der ersten Begegnung mit uns die Melodie „ Trara, Trara, die Post ist da“ ertönen ließ, bei der zweiten Begegnung eine Tonfolge aus dem Trompetenstück „Die Post im Walde“. Das kann man wahrlich kundenfreundlich nennen, aber vermutlich gibt’s das nur in Böhmen. Postler und Wanderer winkten sich jedenfalls begeistert zu. Später mussten wir dann noch auf einige Wander - Abweichler warten, die sich nicht den Blick auf die Alpen entgehen lassen wollten. Vom „Alpenblick“ kann man bei guter Sicht das Dachsteinmassiv erblicken – Entfernung ca. 180 km. Vorbei an einer alten, sehr gut erhaltenen Waldkapelle stiegen wir ab nach Kubohütten

 

Mittwoch: Pünktlich zur Städtebesichtigungstour stellte sich ein bedeckter Himmel ein. An Bord unseres Busses kam eine Führerin aus dem Münsterland, die es aus persönlichen Gründen in den Böhmerwald verschlagen hatte. Obwohl schon fünf Jahre im Land, war ihre Leistung nicht sonderlich  umwerfend. Erste Station der Rundfahrt war das oben schon erwähnte Winterberg im Böhmerwald [ Stadt aus dem 13.Jh., gelegen am Goldenen Steig, weltberühmt durch den Verlag Steinbrener , dem größten Verlag der kuk – Monarchie, Nachfolgegesellschaft Anfang 2004 in Konkurs] Schloß - und Museumsbesichtigung, auf Resten des Goldenen Steigs zum Marktplatz („Ringplatz“) mit alter Architektur, weiter durch die Altstadt]. Nach dem Mittagessen im Schlosshotel Zdikov  [Gasträume und Qualität des Mittagstisches ein Lichtblick ]  Das guterhaltene mittelalterliche Stadtbild von Prachatitz (Prachatice) hinterließ einen nachhaltigen Eindruck, vor allem der Marktplatz mit seinen vielen architektonisch wertvollen Gebäuden. Immerhin stehen 110 Gebäude unter Denkmalschutz. Beim Rundgang entdeckten wir die Städtische Galerie, die nach dem deutschen Bildhauer und Maler Otto Herbert Hajek benannt ist. Hajek , gebürtig aus dem oben bereits erwähnten Kaltenbach, ging in Prachatitz zur Schule und wurde 2001 Ehrenbürger von Prachatitz . Danach war  Wallern (Volary) an der Reihe. Dieser Besuch war für mich sehr enttäuschend, ich hatte den Ort mit viel alpenländischer Architektur [ erbaut durch Siedler aus dem Alpenraum] zuletzt in den 80er Jahren gesehen. Seitdem sind in diesem ursprünglichen Zentrum des Fremdenverkehrs im südlichen Böhmerwald wohl noch weitere alte Häuser abgerissen worden. [2 Nachträge: Nach meiner Rückkehr nach S. sprach ich mit einem aus Winterberg Vertriebenen und seit vielen Jahren in Sulzbach heimisch gewordenen Böhmerwäldler. Als ich vom Winterberger Museum erzählte, unterbrach er mich und sagte, dass sich der eine oder andere Ausstellungsraum im Schloß, den wir betreten hatten,  ein Teil der früheren elterlichen Wohnung gewesen sei. Ferner : Unterwegs bat mich ein heimatverbliebener Wallerner Bürger, seinen Gruß an alle Wallerner in Sulzbach weiterzugeben. Das soll hiermit geschehen.]

 

Donnerstag: Über „unserem“ Böhmerwald wölbte sich wieder ein blauer Sommerhimmel: Auf der Trasse des Goldenen Steigs  ging es zunächst nach Obermoldau (Horni Vltava). An der dortigen Moldaubrücke entdeckten wir im Vorbeigehen das alte deutschsprachige Firmenschild des Prager Unternehmens, das die Brücke seinerzeit gebaut hatte. Beim nächsten Aufstieg stießen wir auf Mauerreste eines alten Glasmacherortes, dessen Schicksal mit der Vertreibung 1945 besiegelt war, – aber wenigstens erinnerte eine Info - Tafel an seine Historie (Anmerkung: Überall in der Region gibt es viele Zeichen dafür, wie behutsam und verantwortungsbewusst mit der böhmerwalddeutschen Vergangenheit umgegangen wird).Wir sahen unterwegs alte und auch neue Kreuze,  gut erhaltene und neue im Bau befindliche Kapellen am Wegesrand, aber z.B. auch alltäglich Dinge, wie höchst kunst- und liebevoll aufgeschichtetes Holz für den Winter [mit Fenstern und zusätzlichen Schmuckelementen]  Dann lag das Dorf Kuschwarda (Strazny) vor uns. Hier  bogen wir in Richtung Wallern ab und überquerten vor dem alten  Glasmacherflecken Eleonorenhain (Lenora) die Warme Moldau. Zusammen mit der Kalten Moldau lässt sie die eigentliche Moldau entstehen. Leider ist die alte Glashütte, die mit ihrem Buntglas den weltweiten Ruf des Ortes begründet hatte, Anfang der neunziger Jahre in Konkurs gegangen. Die „Wanderinnen“ entschlossen sich zum Besuch einer kleinen Glasmacherwerkstatt, die „Wanderer“ zur Bierprobe im Gasthaus „Zum Grobian“. Den Rückweg mit der uns schon vertrauten  Böhmerwaldbahn traten wir vom Bahnhof Eleonorenhain an, die „Wanderportion“ hatte wieder einmal gereicht. Am Abend war musikalische Unterhaltung angesagt, daraus wurden am Ende sehr lebhafte Stunden – nicht wenige ausdauernde Tänzer hielten es bis weit nach Mitternacht auf der Tanzfläche aus. Hotelpersonal  und – direktion waren auch mit von der Partie / Party und am nächsten Tage eher müde anzuschauen.

 

Freitagmorgen holte uns Forstmeister Valenta am Hotel ab – wieder ging es über ein Stück des Goldenen Steigs, dann Richtung Kubani - Gipfel, ab dort eher „querwaldein“ Richtung Winterberg mit vielen Informationen über Mensch und Natur [ bis zu der von deutschen und tschechischen Schülern gepflanzten „Allee der Versöhnung“ in Tafelhütte (ein ebenfalls verschwundenes Dorf, ein Kreuz, ein Gedenkstein und eine Infotafel erinnern). Unterwegs blieb keine der gestellten Fragen unbeantwortet, Herr Valenta gab sich niemals geschlagen. Es ging weiter über Glashütte (Sklare) mit Blick auf Winterberg , herunter ins Tal und - zunächst den Weg suchend - auf der anderen Seite wieder hinauf zum Ort Svata Mari. Kurz zuvor verabschiedeten wir Herrn Valenta mit bestem Dank für seine Unterstützung und Hilfsbereitschaft. Ohne ihn hätten wir sicher nicht einen solch interessanten Weg gefunden, nicht soviel wissenswerte Dinge erfahren.

 

Neben einem Naturdenkmal , dem Felsengarten, „Skalna“ , lagerten wir in der Mittagsonne auf einer Wiese, wieder war ein warmes Picknick vom Hotel vorbereitet. Danach ging es weiter durch eine herrliche Spätsommerlandschaft mit kleinen  malerischen Dörfern, gut erhaltenen Wegkreuzen, bunten Bauerngärten, ersten herbstlich gefärbten Laubbäumen, vollen Apfelbäumen (sehr sauer, ja kaum genießbar) und Pflaumenbäumen ( zuckersüß und mit einem unvergesslichen Geschmack – wie in der eigenen Kindheit) , Panoramasicht weit ins Land bis zum Horizont der Böhmerwaldhöhen. Wie im Traum waren dann Fetzen von böhmischer Blasmusik im Ohr. Später im Ort Bohumilice  stellte sich heraus: Es war die örtliche Blaskapelle gewesen, auf dem Heimweg von einer Beerdigung. Während die eher ängstlichen Wanderer dem aushängenden Bahn - Fahrplan ( oder eher den Lese- und Übersetzungskünsten) misstrauend  sich gleich am Bahnhof lagerten, um den Zug nicht zu verpassen, trieb es die Mutigen zum Gasthof neben der Kirche. Dort wurde nicht nur kühles Bier serviert, sondern obendrein erlebten wir, wie gelöst Menschen sich über den Anbruch eines Wochenendes freuen können. Dann brachte uns (wieder) der Prager Schnellzug in 40minütiger Fahrt nach Kubohütten zurück. Immerhin waren wir an diesem Tage rund 27 km gewandert, und der Zug hatte zurück auf 22 km in großen Schleifen mehr als 450 Höhenmeter zu klettern.

 

Samstagmorgen - auf den Autos lag Reif - hieß es vom Böhmerwald bei strahlend blauem Himmel Abschied nehmen. Eine gelungene Woche lag hinter uns. Im nächsten Jahr soll wieder das Riesengebirge auf dem Programm stehen.